ie beiden Eigenschaften, die das menschliche
Dasein am wenigsten entbehren kann, nämlich Freiheit und
Geborgenheit, - beide unumgänglich notwendig - lassen sich ohne
Reibungen nur schwer miteinander vereinen. Die beiden Qualitäten
sind zugleich komplementär und unvereinbar; die Wahrscheinlichkeit,
dass sie in Konflikt miteinander geraten, ist und war schon immer
genauso groß, wie das Bedürfnis, beide miteinander zu vereinen." So
heißt es bei Zygmunt Bauman in seinem kürzlich in einem norwegischen
Verlag veröffentlichten Essay über "Vermisste Gemeinschaft".
(Englischer Titel: "Community" , Polity Press, 2000 - Anm.d.Red.)
Der Schwerpunkt dieses reichhaltigen schmalen Buches besteht in
der Analyse folgender Züge der gegenwärtigen Gesellschaft: Das
moderne Zusammenleben in einer Gemeinschaft ist in zunehmendem Grade
von Instabilität und Vorläufigkeit gekennzeichnet. Die Brüchigkeit
von Gemeinschaft hinterlässt das Gefühl der Entbehrung. Zugleich ist
die Konzeption von Moderne als einem gemeinsamen Projekt, wo jeder
Mitbürger ist mit seinen Verpflichtungen und dem Anspruch auf
soziale Geborgenheit, unter Druck geraten. Mobilität und persönliche
Anpassungsfähigkeit sind wichtiger geworden als Loyalität und
Gruppenzugehörigkeit. Immer weniger Menschen glauben an die
Möglichkeit oder den Wert von langfristigen, kollektiven Strategien.
Und in dem Maße, da der kollektive Anspruch und die Forderungen,
welche die Gesellschaft als Ganzes an das einzelne Individuum
richtet, schwinden, lässt auch das Vertrauen des Einzelnen in die
Gesellschaft nach: Darauf, dass die Gemeinschaft für sie sorgen
wird, vertrauen zusehends weniger Menschen.
Baumans Essay mahnt uns, nicht zu vergessen, dass in unserem
Jahrhundert märchenhafte Fortschritte stattgefunden haben, welche
die Not der Abermillionen von Armen und Hilflosen milderten. Dies
ist nur erreicht worden, weil man die Beseitigung der Armut als
kollektive Verantwortung auffasste; die Frage wurde politisiert, und
nicht individualisiert, wie dies in unseren Tagen geschieht. Den
Armen war es einst aus materiellen Gründen nicht möglich, ihre
formalen Freiheitsrechte zu verwirklichen (was allerdings kein
Argument gegen die Freiheit ist, wie dies einst fälschlicherweise
viele Marxisten glaubten). Die allgemeine Angleichung der
materiellen Verhältnisse hat die "Chancengleichheit" verwirklicht
und es dem Einzelnen ermöglicht, seine eigene Lebensführung
einigermaßen frei wählen zu können - was die Armen früher nie
konnten. Heute jedoch, wird versucht, diesen historischen Vorgang
rückgängig zu machen - und zwar mit der propagandistischen
Begründung, dass die Freiheit nun an allen Fronten siege.
Wie haben sich die Intellektuellen dieser gegenwärtigen
Herausforderung gestellt? Laut Bauman haben viele der postmodernen
Intellektuellen ihre Resignation mit geschönten Begriffen bemäntelt.
Wenn Stadtteile an ethnischen Trennungslinien entlang ghettoisiert
werden, ist es unangebracht, dies mit Lobreden über unsere bunte und
spannende Multikultur gutzuheißen. Diejenigen, die tatsächlich
gezwungen sind, in ethnischen Ghettos zu leben, wissen nur allzu
gut, dass "Stigmata und öffentliche Erniedrigung keineswegs die
Leidenden zu Brüdern macht", dies ist keine "natürliche", sondern
eine unwürdige und unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft. Die globale
Elite mit ihrem "querkulturellen" Leben bewegt sich in der Tat in
einer sozialen Blase von Gleichgesinnten, ohne jede verpflichtende,
ständige Beziehung zu Leuten aus anderen Kulturen oder sozialen
Schichten zu unterhalten. Bauman fürchtet die "Tribalisierung" und
Zersplitterung der Gesellschaft und verweist auf die Elemente von
sozialem Zwang, die sich notwendigerweise ergeben, wenn ethnische
Identität als Ersatz für die mitbürgerliche Gemeinschaft dienen
soll. Der Masse solcher Ghettobewohner fehlt ja auch jede materielle
Basis, um die soziale und kulturelle Mobilität, welche die
"Meritokratie" dieser globalen Elite kennzeichnet, nachahmen zu
können.
Eine norwegische Autorin, Karin Sveen, hat neulich über das Thema
der sozialen Zugehörigkeit und Herkunft geschrieben. Ihr Buch
behandelt mehrere Aspekte, die auch Baumans Essay berührt. Beide
Autoren lehnen es strikt ab, einer Identitäts-Schwärmerei zu folgen,
welche "die gute alte Zeit" lobt. Laut Sveen "bezeichnet dies eher
Furcht und Verachtung für die Gegenwart, als die Liebe zu dem
Vergangenen, und eher eine Frontstellung gegen das Fremde, als ein
Ort der Geborgenheit im Vertrauten."
Sveen gehört zu den vielen Leuten, denen in der Nachkriegszeit
ermöglicht wurde, aus ihrer sozialen Schicht auszubrechen. Ihr
"lebensgeschichtlicher Essay" heißt "Klassenreise". Schon damals
nannte man diese Schicht nicht "Arbeiterklasse", und auch jetzt
klingt diese Bezeichnung beinahe obszön. Die Mittelklasse fühlt sich
dadurch beleidigt und die Arbeiterklasse fühlt sich abgewertet.
Aber: Wie kommt es eigentlich dazu, dass man in einer Zeit, welche
die kulturellen Unterschiede bejaht, so ungern über die
unterschiedliche soziale Herkunft spricht? fragt Karin Sveen. Und
sie fragt, in welchem Ausmaß ihr sozialer Hintergrund die Reise
geprägt hat, damals, als es ihr und abertausenden anderer Leute
möglich war, ihre alte Lebenswelt zu verlassen und sich hinein in
das Neue, Unbekannte zu begeben.
Ihre Ansicht verweist vor allem auf eine ambivalente Haltung. Die
Loyalität zu ihrem Herkunftsmilieu ist noch da, zeigt sich aber eher
als eine Haltung des Verständnisses, denn der Kritiklosigkeit. Karin
Sveen spricht über eine ihr eingeprägte soziale Erfahrung: das
Gefühl, dass einem ein geringerer Wert zukommt. "Es lohnt sich
nicht, zu rebellieren." Dann folgt: "Bleib', wo du bist, oder
glaubst du, besser als wir zu sein?" Entfremdung und Schamgefühl
drohen jedem, der aus diesem Herkunftsmilieu ausbricht. Anderseits:
Wie verhält es sich mit der bürgerlichen Kultur und Bildung, die
geradezu "weltfremd" - das deutsche Wort passt hier ausgezeichnet! -
und ahnungslos gegenüber diesem sozialen Hintergrund zu sein
scheint? Karin Sveens frühere Lebenswelt und ihr Idiom galten nicht
als "normal" oder repräsentativ, weil sie in der Literatur nicht
repräsentiert wurden. Das fiel auf und unterschied sich von dem
Hintergrund der Mittelklasse, der eben überhaupt nicht als
"Klassen-Hintergrund" galt.
Die Autorin fühlt sich aber auch in der Arbeiterpartei nicht
zuhause: letztere erscheint ihr allzu kritiklos und
anti-intellektuell. Die "Sozialistische Linkspartei" mit ihren
bürgerlichen Rebellen und den ewigen Debatten, schien ihr zwar viel
weltoffener zu sein - es erwies sich allerdings, dass diese Partei
keine Ahnung von jener Arbeiterklasse hatte, die sie zu verehren
vorgab. Das hat sich leider kaum geändert.
Was will Sveen also mit ihrem Buch sagen? Es geht darin um viel
mehr als bloß um persönliche Vergangenheitsbewältigung. Ihr Buch
richtet sich gegen die "modernisierte" Arbeiterpartei, die viele
historische Chancen verpasst hat, aber einige noch zu bestehen hat.
Wie kann die Kluft zwischen den Milieus so überbrückt werden, dass
die Arbeiterklasse es für möglich hält, einen größeren Teil der
"bürgerlichen" Kultur als einen Teil ihrer eigenen Lebenswelt zu
begreifen? Und wie kann man verhindern, dass die Entfremdung der
Arbeiterpartei von ihren traditionellen Wählern dazu führt, dass
eben diese Wähler in die Arme der populistischen, völkischen
Rechtsradikalen getrieben werden?
Es besteht natürlich die Gefahr, dass sowohl Bauman, als auch
Sveen von jenen als "ewig gestrige" Autoren abgestempelt werden, die
sich von deren Botschaft verunglimpft fühlen. Eine solche
Einschätzung scheint mir grundfalsch zu sein. Mit ihrem Buch bewegt
sich Karin Sveen in einem Bereich, für den wir fast kein adäquates
Vokabular haben. Ihr Bemühen, uns ihren Erfahrungen näher zu
bringen, hat es verdient, wahrgenommen zu werden. Es wäre zu
wünschen, dass ihr Buch auch in anderen Sprachen veröffentlicht
würde.
Zygmunt Bauman ist mit seinen nunmehr 75 Jahren erstaunlich
flexibel, was seine Bereitschaft zum "Umdenken" angeht. Er steht
mitten in seiner Gegenwart. Beide Autoren haben uns ein Werkzeug an
die Hand gegeben, mit dem diese Gegenwart besser zu verstehen ist.
Dennoch: Es ist bedauerlich, in welchem Ausmaß der akademische
Sprachgebrauch ihre eigene Sprache beeinflusst hat. Sveen und Bauman
schreiben nicht für, sondern über Herrn Jedermann. Ob es möglich
ist, ihre Bücher vorzustellen, ohne ihre esoterischen Bandwurmsätze
nachzuahmen, bleibt dahingestellt . Ich jedenfalls, schaffe es
leider nicht.
Literaturhinweis:
Zygmunt Baumann: "Community. Seeking
Safety in an Insecure World"
Policy Press 2000. $19.95
Karin Sveen: Klassereise. Et livshistorisk essay. 2000 (nur
in norwegischer Sprache erhältlich).
(Titel: Antwerpener Wohnsiedlung. ©Urbex - The
Spatial Dimensions of Urban Social Exclusion and Integration: A
European Comparison. Amsterdam Study Centre for the Metropolitan
Environment (AME))