lso 'mal ehrlich: Wer hätte sich so etwas vorstellen
können? "Norsk Film" wollte nur neun Kopien vom Original des Films
"Heftig og begeistret" (= "heftig und begeistert" ) anfertigen. Der
Film wurde in Berlevåg, Finnmark, gedreht, was für den
durchschnittlichen Norweger soviel wie "der Arsch der Welt"
bedeutet. Der Film gehört zum Genre "Dokumentarspielfilm" und es
geht darin um eine Chor-Gemeinschaft überwiegend älterer Männer. Die
singen ihre alten Lieder und erzählen über sich selbst. Also:
ziemlich "uncool", nicht wahr? Wer hätte sich vorstellen können,
dass ausgerechnet dieser Film ein totaler Straßenfeger werden
sollte, der spontane Klatschsalven im Kino auslöste (so etwas machen
die sturen Norwegern unter normalen Umständen keinesfalls, nie!).
Und sie klatschten nicht nur in Nord-Norwegen, sondern mehrere Male
selbst mitten in der Hauptstadt Oslo, die nicht nur in geografischer
Hinsicht sehr weit entfernt von Berlevåg liegt. Als Nord-Norweger
reibt man sich die Augen. Die Hauptstadtbewohner klatschen ja auch
wie die Verrückten, genauso gerührt und begeistert wie die
Küstenbewohner, die froh waren, endlich einmal einen Film über "ihre
Leute" sehen zu können! Ist dieser Film also etwas für Leute mit
speziellen Interessen? Aber nein!
Neulich ist der Film in Schweden mit einem sehr hochkarätigen
internationalen Filmpreis geehrt worden. Und auf irgendeinem
Filmfestival in Berlin hat man ihn vor lauter Begeisterung sogar
zweimal gezeigt.
Wie kann das sein? Ist das so, weil er so exotisch ist, oder weil
es darin ein paar schöne Naturaufnahmen zu sehen gibt? Ich denke,
das trifft daneben. "Je lokaler das Milieu, je globaler der Empfang"
meint sein Regisseur Knut Erik Jensen. Das ist ein Pfad, auf dem man
weitergehen kann! Die ortsansässigen Leute scheinen mir wirklich im
Film zu Wort zu kommen, wenn sie über Gott und die Welt und sich
selbst reden: gewiss keine besonders herausragende Gemeinschaft.
Meist sind es alte Männer mit einer großen Zukunft hinter sich. Mit
wunderbarer Selbstironie und ohne jede große Geste begegnen sie uns.
Der Humor ist immer dabei: Der Kameramann filmt bei einem alten
Chormitglied im Schlafzimmer, wo die russische Flaschensammlung
steht. "Tja, dies war mal das "Arbeitszimmer", jetzt ist es wohl
mehr Museum".
Sie fahren mit dem Omnibus nach Murmansk, streiten sich unterwegs
über die Geschichte des Kommunismus. Aber als sie dort ankommen,
schmelzen sie mit den Russen zusammen dahin auf den Wellen des
Gesanges. Es geht dabei nicht um Politik, es ist was Unmittelbares,
etwas Direktes, etwas Heiliges, das sich hier ausdrückt. Aber die
Choristen sind ja nicht nur alt, sondern eben auch Männer.
Augenzwinkernd bereitet man sich auf den Abend vor, mit Tanz und
Wodka und so: 'mal sehen, was daraus wird! Es ist ganz locker,
lustig und ergreifend zugleich, mit einem lachenden und einem
weinenden Auge: manchmal komisch, eigentlich ganz banal, aber
irgendwie immer mit Würde.
Und schließlich Berlevåg selbst: das besondere Schicksal dieser
kleinen Gemeinde, die vom Fischfang völlig abhängig ist, und jetzt,
wie die afrikanischen Kolonien, zum Rohstofflieferanten degradiert
wird. Die Natur, der Widerstand und der Zwang, das Brot zum Leben zu
verdienen - und wie die Leute damit klarkommen! Es ist wirklich
beeindruckend: sonderbar, aber auch unglaublich nahe und alltäglich.
Solche Leute kenne ich ja auch, es ist ja keine Schauspielerei! Ich
beteuere: Chorgesang lässt mich normalerweise ziemlich kalt, und
gegen Schwülstigkeiten bin ich fast allergisch. Aber dieser Film hat
meine Vorbehalte schmelzen lassen, ich kann ihn nur begeistert und
nachdrücklich empfehlen!
Heftig og begeistret (Cool and Crazy)
Norwegen
2001
Regie: Knut Erik Jensen
Kamera: Aslaug Holm,
Svein Krøvel
Länge: 105 Minuten
(Fotos: Mona Haug, Norsk Film)