iele Frauen und Männer fühlen sich
erleichtert, daß die Gleichstellungs-
ideale des
Siebzigerjahre-Feminismus jetzt ein wenig passé erscheinen. Es ist
nun wieder "erlaubt" zu akzeptieren, daß es zwischen den
Geschlechtern einen Unterschied gibt. Frauen werden wieder ihre
Weiblichkeit pflegen dürfen, so wird behauptet. Aber was
bedeutet das eigentlich?
Die schwedische Verfasserin Nina Bjørk hat in ihrem Buch "Unter
dem Rosa Teppich" rechtzeitig mehrere Anstöße gegeben. Sie seziert
herrschende Vorstellungen mit einer Verstandeskraft und einem Elan,
der das Buch amüsant zu lesen macht. Einige Leser werden vom Inhalt
vielleicht enttäuscht sein. Die Rolle, die sie angreift, ist ein
Teil unserer Identität. Sind wir also nicht gut genug? Ist es nicht
schwer, einfach zu ignorieren, was in unserem
Geschlechterrollen-Drehbuch steht? Ist es nicht ebenso schwer,
gleichsam ohne Manuskript auftreten zu müssen ?
Geschlechterrollen: Natur oder Kultur?
Die vorgeschriebenen Rollen schaffen Geborgenheit und Identität.
Bjørk ist aber keine naive Verehrerin der "natürlichen Frau", die
die unbehagliche kulturelle Maske endlich los wird. Aber sie würde
gerne eine Entwicklung sehen, die aus den Geschlechtern in mehreren
Bereichen einen irrelevanten Faktor macht. Sie erinnert uns daran,
daß "Frau-Sein" etwas ist, was man wird, also: Was man als
"weibliche Eigenschaften" darstellt, sind einstudierte Fertigkeiten,
die in einen bestimmten kulturellen Zusammenhang übertragen werden.
Unsere Masken und Rollenspiele sind also kein Beleg für biologische,
natürliche Eigenschaften, sie werden durch die Kultur übertragen.
Kultur ist die Summe von Normen und Konventionen, die uns sagen, was
eine Frau, ein Mann, ein Mensch ist. Unser Drehbuch lässt sich aber
verändern.
Diejenigen, die die gegenwärtige Lage gerne aufrechterhalten
würden, sind immer sehr rasch bereit, andere Auffassungen als
Ideologie abzustempeln. Ihre eigenen Standpunkte dagegen, sind
natürlich und einleuchtend, basieren auf "gesundem
Menschenverstand". Der englische Ausdruck "common sense" drückt
übrigens besser das aus, was jeder weiß, und was demzufolge nicht in
Frage gestellt zu werden braucht. (So wie sich jeder Mensch einmal
darüber vergewissern konnte, daß die Erde flach war). Jeder kann ja
sehen, daß Mädchen mit ihrem Aussehen befaßt sind oder daß Jungen
aggressiver sind. Außerdem haben ja wissenschaftliche
Forschungsergebnisse Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen
Gehirnen dokumentiert. Die Männer sind zielbewußte Logiker. Die
Frauen, dagegen, sind mit mehreren Dingen auf einmal befaßt. Sie
sind die geborenen Fürsorglichen und richtige Leuchten in puncto
Kommunikation. (Deswegen sollten sie uns Männern helfen, mit
kindischen Albernheiten, wie Gewalt und Krieg aufzuhören).
Biologische Argumente werden heute vorgebracht wie vor hundert
Jahren. Genauso selbstverständlich wie man damals wußte, daß die
Weiber ungeeignet für Politik waren, weiß heute jeder skandinavische
Vernunftsmensch, daß die Frauen mit ihren weiblichen Eigenschaften
am besten das Ruder unserer Welt in die Hände nehmen sollten, das
von Männern in fortgeschritte-
nem Alter schiefgefahren wurde.
Aber, - so fiel es der Verfasserin ein, - wenn es wirklich der Fall
wäre, daß diese federführenden Herren wie eine Herde Schimpansen
biologisch programmiert seien, dann bliebe die Barbarei ein
unvermeidbares Faktum, dann lebten wir in einem kapitalistischen
Dschungel. Dann bleibt nichts anderes übrig, als einen starken
Beschützer zu finden, oder - wie die weiblichen Heldinnen Thelma und
Luise es uns vorgemacht haben - die männlichen Schweine
totzuschlagen.
"Natur" als Ideologie
Gegen Kultur und Tradition zu kämpfen ist schwer, aber möglich.
Gegen die Anordnung der Natur zu kämpfen, ist nicht nur vergeblich,
sondern auch schlicht dumm. Die Natur braucht keine Begründung.
Deswegen tarnten die politischen Ideologen oft ihre Ideologie als
Natur. Die Verfasserin streitet die Forschungsergebnisse nicht ab,
aber sie zeigt uns, wie ideologisch geladen ihre Auslegung vielfach
ist. Es kann ja sein, daß es über den bekannten Unterschied hinaus
einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und
Jungen gibt. Aber die Frage, wie wir uns der Natur gegenüber
verhalten sollen, ist immer eine kulturelle Frage. Der Mensch
entscheidet selbst, welche Instinkte des Säugetieres übertragen
werden sollen. Wir kommen von unserer moralischen Verantwortung
nicht damit los, indem wir einfach erklären, daß es sich so in der
Tierwelt verhalte, und der Mensch sei ja schließlich ein Säugetier.
Wir wiederholen damit nur eine der Lieblingsvorstellungen des
Faschismus. Die Natur ist indifferent, auch dem Leiden gegenüber,
und bietet daher für uns kein geeignetes Vorbild. Wie die Leute sich
benehmen sollen, darüber sagt die Natur und die Wissenschaft
eigentlich nichts aus, weil es sich dabei letzten Endes um eine
moralphilosophische Frage handelt. Werte und Standpunkte als
Forschungsergebnisse zu präsentieren, ist Bauchrednerkunst.
Viel "Weiberforschung" hat in der Tat dazu beigetragen, uns
Vorstellungen von einer männlichen bzw. weiblichen Essenz
einzuhämmern.
Der Gebärmutter-Feminismus hat den
Gleichstellungskampf abgelöst; statt dessen können sich die heutigen
Frauen damit trösten, daß alles, was Frauen tun und sind, das Gute
ist, solange sie bloß nicht wie die Männer werden. Die
Irrationalität wird als weibliche Intuition gefeiert, womit man der
Mühe enthoben ist, seine eigene Handlung und Wahl zu rechtfertigen.
Es ist "progressiv" geworden, die Forderungen der Vernunft nach
Konsistenz und Begründung zu ignorieren. Das soll ja so weiblich
sein! Das heutige Elend der Welt aber ist natürlich alles eine Folge
der "männlichen logozentrischen Rationalität". (Hoppla!)
Die Frau als perfekte Ikone
Das "ewig Weibliche" besteht in all dem , was in der westlichen
Welt verneint und verachtet wird. Die Frau wird zu einer Ikone und
einer Utopie, zur Trägerin jeglicher Tugend, zu einem perfekten
Opfer. Daraus entwickelt sich dann vielleicht so etwas wie
Selbstbewußtsein oder Identität. Aber ist dies wirklich eine
Strategie der Befreiung und des mündig-Werdens von Menschen?
Was als "natürlich" erlebt wird, hat sich im Laufe der Zeit
verändert. Die Kultur, in die wir eingewachsen sind, erscheint als
die für uns natürlichste. Ihre selbstverständlichen Vorstellungen
werden als bedroht erlebt, wenn uns "Der Fremde" durch seine
Wesensart zeigt, daß es möglich ist, andersartig zu leben und zu
denken. So gesehen, ist der "Menschenrechte- Feminismus" für uns,
die noch ziemlich traditionell leben, schon wieder eine
Herausforderung. Nina Bjørk ist eine Feministin, die in der
Tradition von Simone de Beauvoir steht. Sie behauptet, daß es uns im
Prinzip freisteht, wer wir werden wollen. Gleichzeitig ist sie sich
im klaren darüber, daß die Feministinnen der vorigen Generation für
ihr Freiheitsprojekt einen sehr hohen Preis bezahlen mußten. Sie
befanden sich in einem sozialen Vakuum, das sie nicht als richtige
Frauen anerkannt hatte. Und "Geschlecht" (im Sinne von "Gender"),
ist immer wieder ein wichtiger Teil unserer Identität. Es ist sehr
leicht, in die alten bekannten Rollenmodelle zurückzufallen. Die
heutigen Illustrierten machen jetzt eine Tugend daraus; es ist
anerkannt, kühn "endlich an sich selbst zu denken" soll
heißen: seinen Körper zu so pflegen, daß er "natürlich" weiblich
wird. Die natürliche Weiblichkeit der Natur selbst reicht dazu
natürlich nicht aus. Um richtig natürlich zu werden, muß man
natürliche Haare aus Beinen und Armen entfernen, man muß trimmen und
schmieren, pflegen und besorgen. Natürlich zu sein, ist, wie Oscar
Wilde behauptet, ein Verhalten, das darzustellen ausgesprochen
anstrengend ist.
Ich glaube nicht, daß es die beste Strategie ist, das
Frauenbild in der Modepresse zu kritisieren, indem wir behaupten,
daß es die "wahre" Frau unterdrückt. [..] Wir sollten nicht dem
Gebärmutter- Feminismus ausschließlich erwidern, daß er "fehlgeht",
sondern ihm auch vorhalten, daß das, was er präsentiert, Ideologie
ist.
Damit steht fest, daß die Vertreter eines so verstandenen
Feminismus dazu gezwungen werden müssen, ihre eigenen moralischen
Vorstellungen zu begründen.
Wenn ich sage, daß Männer und Frauen tatsächlich Menschen,
sprich Individuen, werden könnten, ist dies nicht als absolute
Wahrheit anzusehen. Auch dies ist Ideologie. Aber es ist eine
Ideologie, von der ich glaube, daß sie zu einer größeren Befreiung
von reduzierenden Geschlechtsidentitäten führt.
Ich habe diesen einen Punkt hier herausgegriffen; er steht aber
auch für die Verfasserin im Fokus der Betrachtung. Ich unterlasse
es, ihre einseitige Perspektive - die Sicht der oberen Mittelklasse
- und ihre Blindheit für männliche Erfahrungen mit weiblicher
Machtausübung zu kritisieren. Ihr Kampf gegen unseren alten Trott
fordert sowieso reichlich Widerspruch heraus. Man(n) muß sich
vielleicht damit zufrieden geben.
Ivar Bakke