Für Liebhaber und auch anderen unter uns.
Als Laie mit mittlerem Interesse für Geschichte
bin ich von guten Pädagogen
abhängig. So geht es vielleicht auch Dir? Na, dann
liegt es jetzt an mir, deine Neugier für die notwendige Zeit zu fesseln, um die
Frage zu stellen: Vielleicht ist doch ausgerechnet dieses Buch für dich die
Muhe wert, es zu lesen ?
Unter dem Namen "Deutschland - Norwegen - die
lange Geschichte" hat der Jarle Simensen (Hrsg.) ein recht starkes
Kompendium unter zwei Buchdeckeln gesammelt.
Liegt für beide Gespräche vor – (sieh http://www.tano.no/katalog/titler/39408.html
)Die höchst verschiedenen Perioden und Bereiche kann ich nicht mit einer
fachlichen kompetenten Kritik bemessen. Ich stelle aber fest, wie quicklebendig
die Darstellung sein muß, die über Themen, die normalerweise ziemlich verstaubt
scheinen, mich dermaßen interessieren, daß es reizt, weiterzulesen.
Unter der Gesichtspunkt Deutsch- Norwegische
Beziehungen durch die Jahrhunderte werden sehr verschiedenen Themen beleuchtet.
Weil dies keine normale Buchbesprechung ist, unterlasse ich jede
Zusammenfassung zugunsten der lustbetonten Einfälle. Zum Beispiel: Neue
Perspektiven für die Hanse und Norwegen.
Entwicklungshilfe
durch die Hanseaten ?
Der Verfasser A. Nedkvitne bemüht sich
(überzeugend) seine These einzuhämmern: In Großen und Ganzen sollte man die
Hanseaten in Norwegen lieber wie Gebärmütter für eine blühende Entwicklung
betrachten, als als Exekutive einer
ökonomischen Ausplünderung.
"Ohne die Hanse in Bergen wäre Finnmark
heute vielleicht nicht norwegisch" spekuliert der Verfasser. Immerhin
dürfen wir mit Sicherheit feststellen,
daß die Küstenbauern durch den Stockfischexport zur "Hansestadt Bergen"
ein größeres Vermögen als
die Bauern im Binnenland erwirtschaften konnten, was auch die
Steuerregister deutlich zeigen. Dies stammt hauptsächlich von dem
Stockfischhandel. Als der norwegische Reichsrat von 1446 in Bergen die
Handelsrechte der Hanseaten zu beschneiden beschloß, geschah dies, als die
Fischer aus Nord-Norwegen dort waren um ihren
Stockfischbestände in Bargeld und Getreide „umzuwandeln“ .
Der Reichsrat lies das Horn blasen und rief zu
einer Versammlung wo man die Arme erheben und schwören konnte gegen die
Hanseaten zusammenzustehen, auch wenn es Leben, Hab und Gut kosten sollte.
Wegen dieses bösen Theaters hat der "Lagmann" aus Steigen, der
oberste Richter in Nordnorwegen, eine diplomatische Unterredung mit dem
hanseatischen Oldermann gehabt. Über die Köpfe der nationalen Elite hat man sich über "business as
usual" verständigt. Ob dies im "Europa der Regionen" oder gar in
globaler Perspektive ein auf heute übertragbares Beispiel darstellt, lasse ich
im Gegensatz zu dem Verfasser offen.
"Das
Land wo die Welt noch heil ist"
Ich ziehe die Siebenmeilenstiefel an, und mache
Halt bei dem Artikel von Heiko Uecker, "Nicht nur Ibsen", die die
deutsche Rezensionsgeschichte norwegischer Literatur gewidmet hat. Öfter wurde
Norwegen als ungestörtes, premodernes Idyll gesehen, und die Literatur, die in
diese Matrize paßt, oder eben eingepaßt wird, gestattet den Schwerpunkt der
Aufmerksamkeit. Beim Thema Hamsun lese ich, nach einem Kavalkade
begeisterter Rezensionen, wovon die von strammer nazistischer Haltung bestimmte
den Höhepunkt ausmacht.folgende
Zusammenfassung:
"Es wurden nur die zweifellos vorhandenen
antizivilisatorischen und antidemokratischen Züge in Hamsuns Werk gesehen, die
Wahrnehmung seiner Vielfalt gehörte nicht zu den Tugenden von damals. Das
Gespaltete, das Zerrissene, das Moderne oder das Modernistische, das Ironische
gar wurde nicht in den Blick genommen."
Exkurs: Um auf eigene Faust dicke zugespitzte
Formulierungen zu machen: Dies darf leider nach wie vor in sehr vielen
Bereichen als Summierend für deutsche Haltungen Norwegen und "das
Norwegische" gelten, und zwar nicht nur über Literatur. Norwegen als das
andersartige Land "wo die Welt noch heil ist" - dieser Norwegische
anti-moderne Freiraum für zivilisationsmüde, zerrissene europäische Seelen,
dieses exotische Klischee wird auch täglich von unserer heimlichen
Tourismusindustrie wiederholt. So
lancieren wir uns selbst, obwohl die überwiegende Mehrzahl in Städten wohnen
und auch der Rest konsumiert die Früchte der globalen Kulturindustrie. Der
Traum über das pastorale Idyll ist aber ausschließlich ein urbaner Traum. Das
Schlimmste dabei sind die vielen norwegischen Stadtbewohner, die keinen Schimmer von dem Alltagsleben außerhalb ihres eigenen
Heimortes haben. Dieses weitverbreitete Kitschbild - die die Touristen mit
Begeisterung begrüßen und norwegische Stadtbewohner mit Verachtung ablehnen
läßt uns nie zur Ruhe kommen. Für einen norwegischen Bauer ist es beinahe
unmöglich, sein Leben und kulturellen Horizont als stinknormal europäisch
darzustellen. Das glaubt uns keiner, also lasse
ich es.
Aber lesen Sie einmal das Buch, wovon meine
entgleiste Rede ursprünglich ausging. Es spannt sich ein Bogen vom Mittelalter
bis heute, und es würde mich sehr wundern, wenn Sie nichts Neues und Interessantes darin
entdecken.