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Vorurteile sind wir nicht in der Lage, uns in dieser Welt zu
orientieren. Die wenigsten Dinge, die uns berichtet werden, können
wir persönlich nachprüfen, dazu ist das Leben zu kurz.
Wenn ich mich mit deutschen Touristen unterhalte, tauschen wir
unsere nationalen Pauschalvorstellungen voneinander aus. Meine
Kenntnisbröckchen wachsen dadurch, und mein Entwurf vom anderen wird
ein bisschen genauer.
Ich lerne dadurch auch etwas über Norwegen. „Hier ist alles so
sauber und ordentlich!" höre ich schon öfters. Nach einem von mir
angestellten oberflächlichen Vergleich mit Frankreich, muss ich
sagen, dass ich verstehe, was man damit meint. Pauschal gesehen, ist
es hier erträglich sauber in unseren Gaststätten und Hotels. So ist
es nicht immer gewesen.
Englische Touristen, die einhundert Jahre vorher unser Land
besuchten, klagten über die furchtbaren hygienischen Zustände und
dazu auch noch über das allgemeine Nichtwissen, über die Armut,
Unmoral, Trunkenheit und Apathie.
Diese „Unordentlichkeit" sollte man gar nicht romantisieren, aber
auch nicht allzu schnell und oberflächlich als hausgemacht
betrachten. Die Zustände hatten ihre Ursachen und Vorgeschichte. Und
hören wir letztendlich nicht immer die Stimme des Herrn, wenn die
Charakterlosigkeit des Knechtes verurteilt wird?
Als in Norwegen die Arbeiterbewegung schließlich ans Ruder kam,
waren Ausbildung, Gesundheit und Hygiene vorrangige Aufgaben. Es war
die Glanzzeit des Positivismus; systematisch sollte der Schmutz und
Unwissenheit durch wissenschaftliche Planmäßigkeit ersetzt werden.
Nun gut, den größten Teil davon können wir jetzt ruhig als
Fortschritt verbuchen: aber keineswegs alles.
Diese Ingenieure der Gesellschaft hatten etwas geerbt, was man
„die gesellschafts-hygienische Denkweise" nennt. Innerhalb dieser
Denkweise, – die in ganz West-Europa allgemeiner politischer „common
sense" war, – war es durchaus üblich, über „den Volkskörper" zu
reden. Diese Volkskörper mussten gesund gehalten werden, vor jeder
schädlichen Ansteckung, schlechten Erbträgern und „asozialen
Elementen" bewahrt werden.
Einer der Anführer des Kampfes gegen Dreck und Ungesundheit nach
dem Kriege, Karl Evang, war in der Zwischenkriegszeit ein eifriger
Sozialist. Sein kritisches Buch über den nazistischen Rassenwahn von
anno 1934, ist eine nachdenklich stimmende Lektüre.
Evang wies auf die kleinbürgerlichen und unwissenschaftlichen
Züge der Ideologie hin, und auf die Notwendigkeit, „das
Gesellschaftsleben auf wissenschaftliche Ergebnisse zu gründen"
- auch, was die Biologie betrifft: „Der Gedanke, beispielsweise
den schlechteren Erbträger zu begrenzen, ist eine durchaus rationale
Idee, wofür der Sozialismus sich immer eingesetzt hat", schreibt
er.
Das ist wahrhaftig keine Lüge. Nach dem Kriege kam die Abrechnung
mit den Anhängern des Faschismus. Es dauerte seine Zeit, weil sie
ruhig und ordentlich abgewickelt werden sollte. Viele meinten, es
ginge allzu langsam und behutsam voran. Die Gewerkschaften hatten
diesbezüglich eine Massenversammlung in der Hauptstadt veranstaltet,
wo man auf einem der Plakate folgendes lesen konnte: „Weg mit den
Vaterlandsverrätern und den unnationalen Elementen – wir wollen eine
saubere Gesellschaft!"
Die Parole scheint wie aus Nazi-Deutschland geklaut. Hat wirklich
keiner diese erschreckende Ähnlichkeit gespürt mit dem Schrei nach
dem großen Pogrom, mit der Aussortierung jeder "minderwertigen" und
illoyalen Elemente, die „den Volkskörper besudeln"? Viele von den
Demonstranten gehörten ja zu den erbitterten Feinden des Faschismus.
Jüngere Historiker haben in letzter Zeit ihre Aufmerksamkeit
diesem offenbar beider gemeinsamen Gedankengut und dem allgemeinen
Zeitgeist gewidmet.
Ein beachtlicher Teil des norwegischen Widerstandskampfes war
eher anti-deutsch als anti faschistisch, und öfters vielmehr
patriotisch, als demokratisch motiviert.
Anders kann man es nicht erklären, wenn man bedenkt, wie übel
unsere Minoritäten in der Nachkriegszeit behandelt worden sind.
Viele „Deutschhuren" waren inhaftiert, sie sollten sterilisiert
werden, meinten viele - darunter auch Ärzte - , weil ihre Kinder
vermutlich „schlechtes Erbmaterial" mit sich trügen.
Aber das allerschlimmste Beispiel ist die Politik gegenüber den
Zigeunern, – die übrigens auch auf der Todesliste der Nazis standen.
Hier muss man Karl Evang als den administrativen Verantwortlichen im
„Gesundheitsdirektorat", für eine Politik haftbar machen, die man
als planmäßige Zerstörung einer ganzen Volksgruppe bezeichnen muss.
Gerade der Anti-Faschist Evang müsste es besser gewusst haben.
Eine christliche Gruppe („Mission für Heimatlose") riss damals die
Kinder aus ihren Familien, und entführte sie in teilweise staatlich
finanzierte Erziehungsinstitutionen. Und im engsten Einverständnis
mit den norwegischen Behörden, wurden junge Mädchen zwecks
Sterilisierung weggebracht, ohne dass sie wussten was mit ihnen
passieren sollte. Die letzte Sterilisierung auf ethnischer Basis,
hat noch 1971 stattgefunden. In Schweden sind ähnliche Übergriffe
passiert.
Die Abrechnung mit den Nazis war in unserem Lande einigermaßen in
Übereinstimmung mit rechtstaatlichen Prinzipen durchgeführt worden.
Aber an der Abrechnung mit der faschistischen Ideologie und ihren
Leitmotiven hapert es immer noch. Lange Zeit hindurch, bildete die
Geschichte des Zweiten Weltkrieges bei uns einen Tummelplatz für
Militaristen und Patrioten mit anrüchiger undemokratischer
Gesinnung. Dieser Teil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte
lässt sich in Deutschland kaum für solche Zwecke
instrumentalisieren. Davon könnten wir etwas lernen.
Die Aussonderung unerwünschter Individuen ist ein aktuelles und
komplexes Thema. Moderne Technologie bringt uns immer in neue
moralische Dilemmata. Einer Kultur die solche Themen „vorurteilslos,
rational und wissenschaftlich" behandelt, macht sehr rasch den
ethischen Diskurs zu einer schlecht verkäuflichen Ware.
Die Medizin kann schlimmer sein, als die Krankheit selbst. Sie
kann uns sehr rasch dorthin bringen, wo wir nicht hinkommen dürfen.
Norwegen ist ein reines Land, im guten und im schlechten Sinne
des Wortes. Ein gemeinsamer Kampf gegen Schmutz und Unordnung ist
immer eine Gratwanderung. Er kann allzu schnell zu einem Kampf gegen
die Schmutzigen, Unordentlichen und Armen werden, gegen diejenigen,
die nicht ganz wie wir sind, die Unreinen. Für sie wandelt sich das
saubere, stubenreine Land zu einer reinen Hölle.
Die Strecke vom allerbesten Ordnungsstaat, bis hin zu seinem
Zerrbild, ist kurz und mit guten Absichten gepflastert.