as würdest Du mitnehmen wenn
Du innerhalb eines Tages abreisen müßtest? Mit maximal 10 Kilo
Handgepäck und einigen fieberhaften Tagen Zeit, um das
Unentbehrlichste noch beiseite zu schaffen - was hättest Du gemacht?
Und wenn Du Haustiere gehalten hättest - hättest Du selbst es
geschafft, das Leben Deiner Tiere auf ordentliche Weise zu beenden,
das Fleisch zu salzen und wegzuräumen, in der Hoffnung auf den Tag,
da ihr vielleicht einmal zurückkehren würdet? Oder hättest Du es
geschafft, eine Kuh ins Fischerfahrzeug mitzunehmen, um Milch für
die Kleinsten dort zu haben, wo ihr hinkommen werdet? Hättest Du
Mut und Tatkraft unter solchen Umständen behalten? Nicht leicht,
so etwas vorherzusagen: Der Mensch ist ein anpassungsfähiges
Wesen. Aber ich glaube, daß den meisten in unserer
spezialisierten Gesellschaft die Fähigkeit gefehlt hätte, sich unter
solch primitiven Verhältnissen zu behaupten.
Eine Provinz wird
zwangsevakuiert
Die Bevölkerung in der Finnmark und in Teilen von Troms war daran
gewöhnt, sich selbst zu helfen, zu improvisieren. Aber es mußte auch
eine dramatische allgemeine Verunsicherung aufgekommen sein, als der
Bescheid über die Zwangsevakuierung kam: hinaus ins Ungewisse, weg
von dem Bekannten und dem, was man liebgewonnen hatte. In
mehreren Fjorden gab es Treibminen, die Küsten lagen abgeblendet da,
die Boote fuhren mit abgeschalteten Lampen. Sollte man lieber
versuchen, an den deutschen Posten vorbeizukommen, um nach Schweden
zu fliehen oder, besser, in die befriedeten Teile von Finnmark?
Sollte man sich in Erdhütten und Berghöhlen verstecken? Die
Deutschen konnten wohl nicht alles niederbrennen? Doch. Sie
konnten. Die Wehrmacht war nicht begeistert von dem Gedanken, sie
hatte alle Hände voll damit zu tun, die 20. Gebirgsarmee von der
russischen Front zu evakuieren und meinte, es sei nicht notwendig,
zusätzlich noch fast 50.000 Zivilisten zu transportieren. Das konnte
Chaos auf dem Weg mit sich bringen. Außerdem folgten die Russen kaum
so weit südlich und ein Niederbrennen der Häuser in der Finnmark
konnte eine antideutsche Stimmung in Schweden aufpeitschen. Aber der
oberste zivile Leiter in Norwegen, Terboven, meinte, die Taktik der
verbrannten Erde sei notwendig und fand für seine Meinung bei Hitler
Gehör. Am 28.10.1944 gab Hitler seinen Befehl für die
Zwangsevakuierung und Zerstörung. "Mitleid für die Bevölkerung ist
nicht angebracht", hieß es dort. Mit deutscher Gründlichkeit wurde
die Niederbrennung durchgeführt, Tiere geschlachtet, Inventar
zerstört. Aber die Behandlung und der Transport der norwegischen
Zivilisten muß generell als zivilisiert angesehen werden, verglichen
mit den übrigen Kriegsschauplätzen jener Zeit. Aufgrund von
gründlicher Aufklärung wurden die Seetransporte nicht den Angriffen
der Alliierten ausgesetzt. Aber für viele der russischen
Kriegsgefangenen, die nach Süden getrieben wurden, wurde dies ein
Todesmarsch. Für sie galten andere Gesetze.
Überleben in
Besatzungszeiten
Wir erleben die Geschichte aus unserem persönlichen
Gesichtswinkel, so wie sie sich für uns darstellt. Die Zeit
während des Krieges wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Es wird
nicht viel darüber gesagt, wie es ist, zwangsevakuiert zu werden.
Diejenigen, die davon betroffen waren, gehörten nicht zum
schreibenden Teil der Bevölkerung: die Fischer, die Hausmütter und
diejenigen, die einen kleinen Bauernhof betrieben aus dem "Armen
Norwegen". Im Buch "So jagten sie uns aus unseren Häusern"
(Orkana Verlag), hat Reidun Mellem neun Frauen interviewt, die ihre
Version dieses Dramas erzählen. Ihre Erzählweise ist geprägt von
sprachlicher Ökonomie und einem Sinn für das erzählende Detail. Die
knappe, präzise Form ist unglaublich bildhaft und bewegend. Es
sind Zivilisten, die da erzählen - ohne den Versuch zu unternehmen,
politisch korrekt zu sein. In der Finnmark verfügte die
Nazi-Partei Norwegens über keinen großen Einfluß innerhalb der
Bevölkerung. Aber während des Krieges und zur Zeit der deutschen
Besatzung konnte man plötzlich mit "Deutscharbeit" (Arbeit für die
Deutschen) Geld verdienen. Für Fisch und landwirtschaftliche
Produkte wurden gute Preise bezahlt. Man machte das Beste aus den
herrschenden Verhältnissen. (Das war wohl genau dasselbe, was z.B.
die wohl renommierteste antifaschistische Zeitung "Dagbladet" auch
dachte, als sie ihr Angebot zur Drucklegung des NS- Blattes "Folk og
Land" unterbreitete.) Im Gegensatz zu den norwegischen Städten,
war es für die norwegische Widerstandsbewegung hier sehr schwierig,
Parolen zu verbreiten, die sich gegen die Zusammenarbeit mit den
deutschen Okkupanten wandten. Die wohnten oft im gleichen Haus.
"Fraternisierung" heißt das, abgeleitet von dem französischen Wort
für Brüderlichkeit. Die Brüderlichkeit konnte beide Wege gehen.
Da waren anständige Deutsche, die mit Milch zu den Müttern mit
Kleinkindern kamen, die den russischen Gefangenen Tabak gaben. Diese
Soldaten bekamen ihre Namen zurück: im Bewußtsein der Leute wurden
sie wieder Menschen. Aber die meisten waren nur Soldaten,
lärmendes Volk, das man fürchten mußte, die Razzien durchführten -
etwa nach Radioapparaten (verboten – man konnte ja London
empfangen!) oder nach Leuten, die versteckt gehalten wurden. Oder es
waren Soldaten in Booten, die in das verbrannte Land zurückkamen, um
diejenigen aufzuspüren, die sich dort versteckt gehalten hatten. Für
die Bauern waren wohl die betrunkenen SS-Jugendlichen, die
Maschinengewehrsalven in Herden von zusammengetriebenen Haustieren
entleerten, eine der schlimmsten Erfahrungen. Das Unbehagen und
die Angst blieben noch lange nach der Flucht bestehen. Sie richteten
sich aber nicht gegen die Menschen. In den Erinnerungen der Menschen
ist Haß kaum zu spüren, aber viel ist die Rede von Furcht und
Unsicherheit.
Flüchtlinge im eigenen
Lande
Die Flüchtlinge, die im Østlandet ankamen, wurden von einigen
dort als "unpatriotisch" angesehen. (Ja, so hieß das damals – im
Unterschied zu Deutschland, wo Antifaschisten nicht so sorglos mit
solchen Termini umgehen). Sie hätten nicht nach Süden fahren sollen
- lautete ja die Parole aus London. Hatten die nicht mit den
Deutschen kollaboriert? Waren sie nicht faul, dumm - oder gar Diebe?
Diese Einschätzung aber besserte sich allmählich für die meisten -
glücklicherweise. Viele gewannen gute Freunde, einige wurden
wieder seßhaft. Der Zustand als Flüchtling ist nie einfach. Die
meisten wollten nach Hause, von neuem beginnen, nicht irgendjemandem
zur Last fallen, das Futter für die Haustiere ernten, einen
Neuanfang wagen.
Die Strapazen, denen die Heimkehrer begegneten, waren vielfältig.
Die Behörden wollten die Bevölkerung in "zweckdienlichen Zentren"
sammeln, nicht verstreut leben lassen, wie früher; das war das
goldene Zeitalter der Planung. Das gegenseitige Verständnis fehlte
oft. Aber es war die Zeit des Optimismus und des Fortschritts. Auch
das ist jetzt Geschichte. Welch ein Gefälle der Mentalitäten und
Fähigkeiten! Vom bettelarmen, aber stolzen Draufgängertum von damals
bis hin zum heutigen trostlosen Pessimismus inmitten des Wohlstands!
Und die Drohung einer neuen Evakuierung, geplant von einem anonymen
aber rücksichtslosen Feind, den wir respektvoll "Entwicklung"
nennen!
Ivar Bakke
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