evor man soweit kommen kann,
eine physische Wand zwischen Menschen zu errichten, muß man in
Gedanken eine innere Mauer zwischen "uns" und "denen"
aufbauen. Das Einreißen dieser Mauer erweist sich oft als das
Schwierigste. Sie kann lange stehen bleiben, lange nachdem die
äußere gefallen ist. "Eine neue Mauer ist zwischen Ost und West
entstanden, höher als die alte" - sagen in schweren Stunden die
Ossies. Wie kommt das?
Konnotationen - das ist ein zäher Leim, der sich relativ einfach
zusammenkochen läßt. Aber er haftet fest, wie eine Narbe an der
Sprache, klebt Assoziationen zu Wörtern fest, gestattet Identität
und Abstand. Wir wollen gerne frei sein, aber spüren sofort die
anderen, ihre Worte und ihre auf uns gerichteten Blicke. Menschen
können nicht ohne Wasser, Essen und Respekt leben. "Bitte, sag'
nicht Bauer, sag' Landwirt", flüsterte ein deutscher Tourist mir
diskret zu, mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht: als ob ich
einen obszönen Ausdruck gebraucht hätte, als er mich nach meinem
Beruf fragte. Aber in Norwegen gibt es kaum Landwirte oder Pächter
im richtigen Wortsinne. Nun gut, - also bin ich ein Bauer - "so help
me God", wie man bei amerikanischen Gerichten sagt. Die
Anfangsbuchstaben des Nummernschildes am Auto des betreffenden
Touristen waren "BU", - das steht für Burgdorf, einem Ort in der
Nähe von Hannover. "Bauern unterwegs", sagt man in Deutschland, und
grinst. Naja, natürlich nicht die, die von dort stammen oder
wirkliche Bauern sind. Aber hier stehe ich und kann nicht anders -
als lachen!
Wittgenstein, - so fiel es meiner vulgären bäuerlichen Seele ein
-, war es wohl, der einmal äußerte: "Eine ganze Mythologie ist in
unserer Sprache niedergelegt." Und bitte glaubt nicht, daß die
Mythologie eine Spezialität vergangener Zeiten wäre! Jede Zeit hat
ihre Mythologie. Die Sprache gestattet durch ihre innewohnenden
Vorstellungen und Assoziationen handfeste soziale Realitäten. An
ihnen ist öfter schwerer vorbeizukommen als an der glattesten
Betonmauer. Ich will Euch gleich ein Beispiel dafür geben.
Das "Berliner Kind"
Willy Brandt - der einmal politischer Flüchtling in Norwegen war
- verfügte hier über sehr gute Kontakte. Als Berliner Bürgermeister
hat er dazu beigetragen, daß vielen der "Berlinerkinder" nach dem
Kriege ein Aufenthalt in Norwegen ermöglicht wurde. Hier erhielten
sie die Möglichkeit, während der Sommermonate reichlich Essen und
frische Luft zu genießen, sowie Kräfte zu sammeln. Das Ganze hat
erheblich dazu beigetragen, daß die Mauer von Haß und Mißtrauen
Deutschland gegenüber verwitterte.
Das Wort "Kind" besitzt die Konnotation von "Unschuld". Und
Marion Padovani war ein Kind, als sie im Jahre 1960 bei uns war. Und
sie war unleugbar deutsch - ein Wort, das damals mit starken
Assoziationen verknüpft war. Ihre Familie ist in den Westen
(Berlins) geflohen, und ihre Mutter schrieb uns im Sommer 1961, daß
nun die "Schandmauer zwischen Ost und West" errichtet würde. Es
hatte über Nacht begonnen an diesem 13. August, und die Welt war
hinterher nicht mehr dieselbe.
Was ich jetzt erzählen will, hat am hellsten Tag des Jahres
stattgefunden. Den alten Traditionen gemäß, haben sich am
Mittsommernachtsfest die Leute der Umgebung im Grünen
zusammengefunden, um ein Feuer zu entfachen, an dem Kinder und
Erwachsene gemeinsam spielen sollten. Das Fest hat in der "Festung"
stattgefunden - an jenem Ort, wo einst die "Batterie Dietl" den
Vestfjord überwachte. Noch bevor das Fest richtig begonnen hatte,
wandte sich eine offenbar erwachsene Frau mit gedämpften Lachen zu
Marion und fragte: "Na, weißt du vielleicht, wer diese Festung
erbaut hat?" In diesem Moment konnte man spüren, wie Marion zur
Zuschauerin des Festes der anderen wurde, außenstehend, gegen eine
unsichtbare Mauer starrend, weil sich ihre Augen mit Tränen füllten.
"Ja, ich weiß, ich weiß", antwortete sie. Marion wußte es, sie
wußte Bescheid. Meine Eltern schafften es nicht, ihre Gedanken von
der albernen Frage abzulenken. Sie mußten nach Hause fahren mit dem
weinenden Mädchen, das sich nicht trösten ließ.
Wo bist du jetzt, Marion? Zwei Sommer lang warst Du mit uns
zusammen. Ich habe dich nie kennengelernt. Den dritten Sommer kamst
du nicht, da bin ich zur Welt gekommen. Der Gedanke, sich von dir
noch einmal trennen zu müssen, war für meine Mutter unheimlich
schmerzhaft. Sie schwankten damals zwischen "ja" und "nein", hat sie
mir erzählt. Es blieb aber bei diesen zwei Sommern.
Im Rumbatakt Geschichte
bewältigen
Den Sommer im vorigen Jahr hättest du hier sein sollen! Die
Festung steht noch da, aber es ist nicht so, wie du glaubst. Die
Geschichte ist nicht verschwunden, aber wir haben sie auf unsere Art
und Weise bewältigt. Letzten Sommer hat eine Gruppe von
Jugendlichen aus Berlin dort gespielt. Sie haben ein Konzert im
Freien veranstaltet, mit Blechfässern - sie spielten Rumba! Und
wir waren wirklich zusammen, alle die da waren. Die Musik, an diesem
Ort aufgeführt, hat in mir noch eine weitere Assoziation
hervorgerufen - an eine phantastische Szene aus dem Film von Volker
Schlöndorff: "Die Blechtrommel": Eine Massenversammlung mit
Tausenden von Soldaten, Hornmusik, strammer Marschtakt. Und dann
dieser kleine Knabe hinter den Tribünen, der auf seiner Blechtrommel
loshämmert, bringt das ganze außer Takt, löst die strenge Ordnung in
einen gemütlichen Tanz auf, außer jeder Kontrolle durch die Nazis.
Es gibt ein Photo von unserer Festung anno 1943, von einem
Besichtigungsbesuch durch die hohen Herren in dieser Anlage, die
sicherlich für ewig den "Deutschen Lebensraum sichern" sollten.
Diese Herren sollten jetzt hier sein, denke ich mit
Schadenfreude. Sie sollten diese "entartete Negermusik" hören: Rumba
- von Berlins Jugend aufgeführt! Na, das wäre ein echter "clash of
civilizations" geworden - zwei deutsche Zivilisationen, nicht allzu
weit in zeitlicher Hinsicht, aber ansonsten Lichtjahre voneinander
entfernt. Zu dieser Musik kann man nicht marschieren. Die Reihen
sind nicht fest geschlossen, sie lösen sich auf.
Ein Elternpaar hat seinen Namen und Wohnort in das Gästebuch des
Museums geschrieben. Aus Berlin. - "Soll ich mich dafür schämen?"
Nein. Niemand soll sich für den Ort, wo er oder sie geboren ist,
schämen. Soviel muß man doch jetzt aus der Geschichte gelernt haben.
Es ist Friede geworden. Wir dürfen uns hier treffen, auf den
Ruinen der Vergangenheit. Ohne Furcht oder Scham. Marion: bitte
- komm!
Ivar Bakke
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