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29.November 1999
 

Post vom Vestfjord

von Ivar Bakke

neu: Von oben herab
iner der interessantesten Prosaschriftsteller auf unserer norwegischen Literaturbühne heißt Thomas Hylland Eriksen. Er ist Professor der Sozialanthropologie und hat sich über mehrere aktuelle Themen geäußert. Von seinen interessanten Beiträgen profitierten vor allem unsere andauernden Debatten über das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen.

Seine Homepage enthält übrigens auch viele englische Texte.
Dieses Jahr hat sich Eriksen als Romanautor versucht und ich will darüber einige Zeilen schreiben, obwohl ich das Romanprojekt grundsätzlich als misslungen einschätze. Aber - wie dem auch sei: es spiegelt jedenfalls wichtige Tendenzen in Norwegen wider, und ich sage: lieber ein halbwegs gelungener Roman über wichtige Themen als eine perfekte Schreibübung über nichts!

Eriksens Roman trägt den Titel: "Siste dagers heldige" (Aschehoug, 1999) - zu deutsch: "Die Glücklichen der Letzten Tage". Er handelt von einigen Norwegern, die zurechtzukommen versuchen, nachdem ihr Heimatland wortwörtlich "ins Wasser gefallen" ist. Norwegen ist ganz plötzlich nicht mehr da, nur Meer überall. Einige von denen, die das Glück hatten, sich zum Zeitpunkt des Untergangs im Ausland zu befinden, sitzen jetzt in Indien und Dänemark und sprechen miteinander.
In ihren Gesprächen und Erzählungen suchen sie auszuforschen, was sich einmal hinter Begriffen wie "Norwegen" und "Norwegisch" verborgen hat. Der Handlungsablauf bietet also reichlich Anlass dafür, das "typisch Norwegische" zu definieren - eine intellektuelle Übung, die der Verfasser übrigens früher einmal als schädlichen Sport abgestempelt hat.

Das Schwierige bei solch generellen Charakteristika besteht darin, dass sie entweder nichtssagend und unpräzise sind, oder, dass sie durch unerträgliche Vereinfachungen schlicht falsch werden. Es ist also kein Wunder, dass Eriksen das Romangenre wählt, um die verborgenen Muster zu entlarven in dem bunten Gewebe, das Norwegen ausmacht.

Ist es ihm denn nun gelungen, einen "polyphonen Ideen-Roman" zu schreiben ? Oder hat er das geschrieben, was Knut Hamsun ein "Also-Buch" nannte?
Für diejenigen, die Eriksens schriftstellerische Tätigkeit verfolgen, ist es leicht, die Verfassergesichtspunkte auszusortieren, die durch wohlartikulierte Romanfiguren vermittelt werden. Das Genre des Romans gibt dem Verfasser auch die Gelegenheit, seine Romanfiguren als Sprachrohr für private Abneigungen und Vorurteile zu benutzen - frei von jeder Selbstdisziplin, die zu einer akademischer Sachprosa gehören würde.

Eriksen ist auch ein bisschen witzig. Aber vor allem will er seine moralischen Thesen belegen, statt eine soziale Wirklichkeit auszuforschen. Der Verfasser hat eben nicht die Möglichkeiten des Romangenres ausgeschöpft, die in Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Polyphonie bestehen.
Und ich kann es wirklich nicht leiden, wenn ein Roman mit Finten und leicht erkennbaren Schmähporträts gepökelt ist, weil dann jede mögliche Kritik am Verfasser bequem als fehlendes Verständnis für die Unterscheidung zwischen Autor und Romanfiguren ausgelegt werden kann. Der Verfasser sollte dann lieber sein Maul halten, Wein trinken und den Garten pflegen!

Was ist die Botschaft des Romans ? Es geht um eine Pauschalabrechnung mit allem, was Eriksen an Norwegen nicht leiden kann. Wir sind verwöhnte Quengelkinder ohne nennenswertes Interesse für die Welt außerhalb unserer heimischen Türschwelle. Dass wir so sind, ist kein Wunder, werden wir doch von den Medien betäubt, die nicht einmal versuchen, wichtige Ereignisse und Geplapper voneinander zu trennen. Der Sport ist unsere gemeinsame Religion. Sport und Patriotismus gehen eine Verbindung ein, die uns gegen jede unangenehme Wirklichkeit außerhalb unseres heimischen Brutkastens effektiv schützt.
Wir verschwenden Geld in mancherlei Beziehung. Gleichzeitig ist es schwer, Gehör zu finden, wenn es um den Wert von Schönheit, Können und Erkenntnis geht - jedenfalls dann, wenn es Geld kostet. Jede geistige Forderung (das klingt schon ziemlich altbacken, nicht wahr?) an Form oder Stringenz wird von einem selbstzufriedenen Populismus abgelehnt, der jede Anstrengung scheut. Unsere Universität ist in diesem Bereich keine Ausnahme.

Nur soweit - um bloß einen kleinen Teil der angesprochenen Themen zu nennen! Der Roman ist lang. Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Verfasser einverstanden - ja, das bin ich wirklich! Aber diese Kritik ist dermaßen undifferenziert und mit sozialer Verachtung gemischt, dass sie mich sogar zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für Boulevardzeitungen und betrunkene Norweger in den Pauschalferien verleiten könnte.

Es ist ja nicht nur der Hinterwäldler, der sich absolut sicher ist, alles zu kennen, was kennenswert ist, und der alles außerhalb seiner kleinen Welt als doof oder unzivilisiert abweist. Genau dasselbe tut der Snob. Wir sind alle unwissend, wenn auch auf verschiedenen Gebieten. Fast jeder Mensch kann uns etwas Neues beibringen.

Der Autor Eriksen moralisiert streng auch über Dinge, die er nicht selbst kennt und die er deswegen nur als Zerrbilder von außen gestalten vermag. Er ist erstaunlich wenig originell. Sein Buch nimmt sich aus wie ein Katalog der bei der Redenden Klasse beliebten Klischees.

Es ist weder "gewagt" noch "kritisch", den volkstümlichen Geschmack zu verachten. Es ist zur großen Mode geworden. Momentan wimmelt es von diesen Ausnahmemenschen, die gerne zeigen möchten, dass sie um Gottes Willen nicht mit den vulgären Heinzelmännchen verwechselt werden wollen, die unser "Kartoffelland" bevölkern.

Viele urbane Großkonsumenten von Flugbrennstoff winden sich vor Scham, wenn sie mit unserem sportfanatischen nationalistischen Gesindel in einen Topf geworfen werden. Ihr Respekt für die indische Dorfkultur verhält sich proportional zu ihrer Verachtung und ihrem Nichtwissen über die norwegischen Bewohner an der Peripherie und die "primitiven Typen" aus dem "East End".

Provinzialismus ist keine Frage der Geographie. Es ist für gut ausgebildete Norweger durchaus möglich, als unwissende "bloody tourists" in ihrem eigenen Lande zu leben. Aber einige von ihnen schaffen es, ihre eigenen Bildungslücken als die gesunde Fähigkeit auszugeben, das Unwesentliche auszuschalten. Verfasser Eriksen hat aber selbst einmal an anderer Stelle behauptet:


"Es muss gefordert werden, dass man jedes fremdartige kulturelle Phänomen zu verstehen versucht, bevor man es kritisiert. Sonst macht man Kardinalfehler Nummer eins des Antiintellektualismus: Man versucht die Welt zu verändern, ohne sie verstanden zu haben."

Diese Ansicht resümiert im Grunde meine Kritik an diesem Buch.
Eriksens Roman erklärt viele Phänomene, in dem er sie zu negativen Zügen der Eingeborenen reduziert. Folgt man dem Autor, so gibt es in einigen norwegischen Städten schwache Ansätze zu einer europäischen Zivilisation.

Der Rest der Bevölkerung besteht aus amerikanisierten "hillbillys" mit schlechter Musik und falschen Geschmackspräferenzen. Diese Ansicht ist ein dramatischer Rückschritt im Vergleich zu Eriksens früherem Präzisions-Niveau. In den 70er Jahren hoben viele Leute die Banalität auf ein Podest und lehnten alles, was ein wenig intellektuelle Anstrengung erforderte, als "bürgerliche Feinkultur" ab. Aber Eriksen verfällt nun in das Gegenteil. Spätestens dann wird's ein bisschen peinlich - Adel verpflichtet! - wenn er beim Klageruf über den Mangel an Fingerspitzengefühl nicht einmal das Wort richtig buchstabieren kann.

Die Verzweiflung über die heutige Lage ist durchaus ehrlich und nicht grundlos. Was mich ein wenig wieder mit dem Buch versöhnt, ist gerade die zum Ausdruck gebrachte Seriosität und das Wissen in den vielen Mini- Essays des Romans. Es sind viele kluge Beobachtungen darin. Einige Erzählungen haben Tiefenschärfe und werden dadurch zu mehr, als zu bloßen plakativen Meinungsäußerungen.

Aber insgesamt ist das Projekt ein bisschen in die Schieflage geraten. Die Konstruiertheit der Romanfiguren ist allzu deutlich sichtbar. Offenbar traut Eriksen dem Leser nicht zu, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.
Seine Stärken hat Thomas Hylland Eriksen nach wie vor als Prosaist - als einer der besten in "diesem, unserem schönen Lande".

 

 


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