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24.April 2000
 

Post vom Vestfjord

von Ivar Bakke

neu: Touristenklasse

"E"s sind nicht nur die norwegischen Lebensmittel, die teuer sind, dank unserer norwegischen Bauern mit ihrem norwegischen Lebensstandard. Wegen der generell teuren Lebenshaltungskosten ist es recht schwierig, Norwegen zur ersten Adresse bei der Wahl seines Ferienlandes zu erklären - wenn man nicht, wie ich, zufällig mit einer großzügigen Schwiegerfamilie mit einem großem Haus ausgestattet ist. Ich liebe Oslo im August. „Ich hätte dort gerne eine Hütte", wie der Verfasser Økland sagt. Aber Ferien im Süden – wer ist dort nicht schon alles gewesen? Ich nicht - jedenfalls nicht bis vor kurzem.

Im letzten Herbst aber wollten wir unbedingt bis nach Korfu vor Griechenlands Küste reisen - selbst wenn unser letzter Pfennig dabei draufgehen sollte: und genau das passierte auch.

Im Tidenhub zu sitzen, auf das Meer hinauszublicken - damit bin ich schnell versorgt. Aber es gibt Gott sei dank andere Dinge, die Zeit auszufüllen, als stumpfsinnig auf einer Strandliege zu dösen. Man kann zum Beispiel Fahrräder ausleihen und unter den schattigen Olivenbäumen hindurchradeln, die an der Böschung über uns stehen.

In einem nachdenklichen Augenblick kann man sich die Arbeit ausmalen, die in den schönen, zwischen den Bäumen gelegenen Steinterrassen steckt.

Jede von ihnen wurde in Handarbeit gebaut - und zu dieser Zeit gab es noch nicht den kühlenden Schatten der Bäume. Vor 40 Jahren muss das gewesen sein – denn so lange dauert es, bevor man die ersten Früchte von einem Olivenbaum ernten kann.

Was denken die schwarzgekleideten alten Frauen, die uns Müßiggänger auf dem Rad vorbeisausen sehen? Vielleicht denken sie ungefähr dasselbe, was wir damals dachten, als wir dastanden und das Heu zum Trocknen aufhängten und den einen oder anderen Touristen mit seinem Volkswagen vorbeizockeln sahen. Einige von ihnen nahmen sogar eine Decke und legten sich in die Sonne und das mitten am Vormittag! Das sind welche, die es haben, dachten wir. Solche Leute !

Jetzt sind wir "solche Leute" geworden. Das ist ungewohnt, obwohl wir es ja eigentlich schon einige Jahre lang sind. Die Leute um mich herum, geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen, interessieren mich. Das Hotel, in dem wir wohnen, beherbergt Gäste aus vielen Ländern, sie grüßen einander höflich und es ist leicht, ins miteinander Gespräch zu kommen.

Ein Engländer mit rabenschwarzem Jungenschopf erzählt mir, dass er drei Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Musterung musste. "Ein Deutscher, den ich im Sommer traf", antworte ich, "war auch wehrpflichtig bei Kriegsausbruch. Er gehörte einem Jahrgang an, nach dem man nach dem Kriege mit der Lupe suchen musste. Hattet ihr beide nicht ein Schweineglück gehabt, dass ihr diese Jahre überlebt habt?" "Oh yes", kommt die Antwort mit englischem Understatement zurück,"ich habe immer behauptet, dass es an meiner schwierigen Personalnummer lag, es war unmöglich, sie korrekt auf eine Granate oder eine Patrone zu schreiben. – so I‘m still here, you know". Ja, jetzt sind sie hier, viele von diesen alten Kriegern. Was denken sie, wenn sie höflich lächelnd am Rande des Schwimmbeckens oder beim Frühstück sitzen? „Solche Leute!" vielleicht, oder „Warum haben wir aufeinander geschossen?"

Im Schwimmbecken wird Wasserpolo gespielt unter der enthusiastischen Leitung eines jungen Mannes, der zwischen der englischen und der deutschen Sprache wechselt.

Am Abend sitzen wir bei einem Glas Bier zusammen. Ein Engländer, zugleich provinziell und vielgereist, behauptet mit Nachdruck, dass die Franzosen Sonderlinge seien, dass keine richtigen Engländer mehr in London wohnten, nur noch Einwanderer, und dass die Deutschen merkwürdige Leute seien. "Sie sind nicht höflich, seht nur!", sagt er und zeigt stolz eine Hautabschürfung vor, die ihm ein deutscher Mitspieler während des Wasserpolos zugefügt hat. "Mein Großvater wurde von den Deutschen getötet", lautet schlussendlich sein Argument. „I hate them!"

"Aber was sagst Du dann von mir?", fragt der, der den friedlichen Kappenstreit im Schwimmbecken leitet. "Ich bin Serbe. Ich hätte nur noch zwei Wochen gebraucht, bis ich fertig ausgebildeter Bauingenieur gewesen wäre, als der Krieg ausbrach. Und wir wissen alle, wessen Schuld es war, dass er ausbrach."

Eine gespannte Ruhe breitet sich aus und er fährt fort: "Ein allseits erzählter Witz in Belgrad geht so: 'In Argentinien wählte das Volk die Demokratie, das Heer greift ein und setzt einen Diktator ein – in Serbien wählt das Volk einen Diktator, um das Heer gegen das Volk einzusetzen'. Wir wählten den Krieg", seufzt er. "Aber wir können deswegen nicht alle Serben verurteilen".

"Wie denkst Du über die Zukunft für Serbien?", frage ich. "Für Serbien gibt es keine Zukunft. Ein Polizist mit einer dreiwöchigen Ausbildung verdient mehr als ein Arzt. Postbeamte verdienen auch gut, weil sie die Auszahlungen „kontrollieren". There is no future for me in Serbia. Ich habe 10 Jahre lang in Deutschland gelebt. Dort gibt es, wie in jedem anderen Land auch, gute und schlechte Leute. Aber Serbien ist für mich ein fremdes Land geworden, das nur wenige Kilometer von hier entfernt liegt".

Nachdenklich gehe ich ins Hotelzimmer zurück. Ich werfe ihm nichts vor, ich hätte unter solchen Verhältnissen sicherlich auch das Exil gewählt. Aber ein Land wie Jugoslawien braucht gerade „solche Leute" wie ihn.

Manchmal wirkt unsere friedliche Koexistenz wie brüchige Haut. Ein kleiner Ritz darin kann gewaltsame Schwingungen in Gang setzen. Ich weiß nicht, ob man automatisch viel klüger wird, wenn man andere Länder und Kulturen besichtigt. Es kommt darauf an, mit welchen Augen man die Dinge betrachtet.

 

 


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