Tagebücher lesen, die ganze Nacht durch.

von Ivar Bakke

 Ich will versuchen Euch klar zu machen warum ich so viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet habe zu die Tagebuchaufzeichnungen über 12 Jahre Alltagsleben eines Professors. Der Professor unterrichtet über römische Kultur, und hat französische Literatur als Spezialität. Dies aber, macht nur wenige Ausschlag über den Text; verstreute Hinweise zu Bücher mit dem er arbeitet, und einige französische Redewendungen die (zum Glück) übersetzt werden.

 Victor Klemperer heißt er. Dieser unser Professor ist mit Eva verheiratet, einer ehemaliger Pianistin. Victor verliert seine Arbeit ganz früh in der Erzählung. Viele von den mehr als 1600 Blättern dreht sich um die Verdrießlichkeit des Alltagsleben, die Mühe sich ein Haus aufzubauen, Autofähren zu erlernen, Essen und Kleider schaffen. Er schreibt über seinLeben, so konnten wir’s fassen, und seine Beobachtungen die wechselnden Haltungen seiner umgebende Gesellschaft. Warum denn, ist dies ein so besetzenden interessante und tief rührenden menschliches Dokument ?  

Es soll erwähnt werden, obwohl Klemperer unter normalen Umstände es als uninteressant empfunden würde: Klemperer ist von jüdische Herkunft. Er ist religiös indifferent und ein Fremderden die mosaische Religion gegenüber. Aber Victor Klemperer lebt nicht unter „normalen Umständen", seine Tagebücher sind in Dresden, Deutschland niederzeichnet, in die Periode 1933-35. Sie hat Razzien und Bombenregen überlebt. Sie waren mühselig zu entziffern und reinschreiben, eine Arbeit die mehrere Jahre gedauert hat. Sie liegen jetzt unter den Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten vor.

Der Titel ist ein Zitat aus dem Tagebuch, eine Schlußfolge der Überlegungen Victors, über die Lebensgefahr die die Notizen für ihr und seinem nächsten Angehörigen repräsentiert.Der Autor trotzt alle seinem Anfechtungen: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Victor war mit einer „arische" Freue verheiratet. Deswegen hat er sein Leben behalten, deswegen können wir diese Tagebuchnotizen lesen. Das Buch hat eine große und andauernden Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen. Es wurde in große Auflage verkauft, obwohl es sowohl teuer als auch voluminös ist. Walter Nowojskij, dem für der Bearbeitung und Herausgebend zu danken ist, hat durch ein paar Jahre Vortrage in die verschiedensten Forum gehalten. Es wird ein Film aus den Tagebüchern gemacht, das Verlagsvorrechte für die Englische Ausgabe worden verkauft für den bisher höchsten Preis eines deutsches Buch.

 Der Grad von Authentizität. Dies sind Tagebuchnotizen, unter dem Druck der Ereignisse fortlaufend niederzeichnet. Es ist kein zentrale historische Akteur der schreibt, es ist das Alltagsleben des Krieg die die Seiten füllt, von traditioneller Geschichteschreibung wenig erwähnt. Es ist interessanter Lesen für diejenige der dieser Periode erlebt habe, und für die viele Abkömmlinge die gerne wissen wollen „wie war’s während des Krieges ?" Die mehrere frische Observationen von immer wechselnden Stimmungen, die Brocken von Gesprächen, Witze und Diskussionen macht eine Art von Fixierlösung der die allgemeine wechselnden Zeitgeist entwickelt. Gleichzeitig wird das besondere Jüdische Drama geschildert, Der mentale Abdruck der Katastrophe, wie es sich abspielt für einen der Juden der die Hitlerzeit überlebt hat.  

Die Qualität: Die Reflexionen ist durch ein Autor ins niedergeschrieben worden der in viele Hinsichten als ein unpraktischer, ein wenig hypochondrisch und allmählich auch arbeitsloses Professor erweist. Er ist nicht besonders geschickt für die vielen praktischen Aufgaben die der neue Alltag erfüllt. Sein Können und sein Verdienst von Gestern ist unter dem neuem Regime nicht mehr gängig. Victors Deutschland, sein Welt von Gestern, wird eine Erinnerung. Victor lebt in eine mißachtete Exil, in seinem eigenem Land. Aber er kann wirklich schreiben, und er tut das, zum Glück, trotz fehlenden Vertrauen daß die Aufzeichnungen je das Licht der Öffentlichkeit sehen werden.

Die laufenden Kommentare zu die Propaganda des Regimes ist interessante und kompetente Ideologiekritik. Und noch ein Zug dieses Werk hat mich tief fasziniert, hat mir über die Spanne von Zeit, Kulturunterschied und daß die einzigartige Situation Victors berührt. Das besondere einer Gruppe anzuhören, die zur Vernichtung mit Forstzeichen versehen ist zum trotz… Wie albern und unangebracht es auch klingen mag: Niemanden von uns kommt mit dem Leben davon, daran stehen wir gemeinsam. Und seine Reflexionen und Gefühle dem Tot gegenüber, und unsere Anstrengungen mit dem Tot überein zu kommen, die wiedererkenne ich. Es sind die Gedanken über die Grundzuge das Menschenleben, durch ein konkrete historische Situation zur Oberfläche gebrochen, eine Lage die ihm zwingt seinen eigenen Tot als ein anwesende und aktuelles Realität zu sehen. Die Ereignisse macht aus ihm ein alten Mann.

 24. Feb. 1934:

Man ist in dem Augenblick alt, wo man wirklich - und nicht religiöst-moralisch formelhaft - die Dinge als Leihgabe betrachtet. Man rechnet auch als junger Mansch mit dem Tode, aber doch nur wie mit einem Unglücksfall und etwas Möglichem (selbst im Felde) und nicht wie mit einer Unausweichlichkeit.

Ihre eigene tot scheint jeden Tag näher zu rücken. Das oben stehenden ist niedergeschrieben während der Autor noch eine Hoffnung hatte, das Dritte Reich zu überleben. Aber als noch Leute ringsum deportiert werden, schwindet die Hoffnung. Es wird sein Los eine menge Beerdigungen beizuwohnen. Viele Angehörige haben eine Urne aus die KZ-Lagern zurück bekommen.

 10. aug. 1942:

«Der Psalm scheint mir an sich unsittlich, in seinem nackten Egoismus, in der Hurra-ich-lebe-Stimmung. «Du, Herr, bewahrst mich, tausend fallen zu meiner Rechten, zehntausend zu meiner Linken, Du errettest mich von der Pest» u.s.q. Das am Sarge ? Aber der Tote ist doch unter den tausend und zehntausend. Und nun gar diese Toten vor der Pest gerettet ? Ich verstehe das ganz und gar nicht.

 Victor findet kein Trost oder Harmonie. Nach eine Fahrt durch die schöne Gegend um Dresden herum, schreibt er:  

24. Aug. 1938:

Wie schön wäre Deutschland, wenn man sich noch als Deutscher fühlen und mit Stolz als Deutscher fühlen könnte. (..) Mir geht so oft ein Vers durch den Kopf, den ich tausendmal von Vater hörte: «Ich wollt, es wäre Schlafenszeit und alles war vorbei.» Ich habe immer darüber gelacht, denn Vater hing sehr und sehr ängstlich am Leben. Jetzt weiß ich, das man gleichzeitig sehr und sehr ängstlich am Leben hängen und den Vers mit voller Überzeugung und ganz ehrlich zitieren kann.

Victor fragt sich mehrfach ob es überhaupt ein Zweck hat, weiter zu schreiben, ob seine Tagebuch-Aufzeichnungen überhaupt moralisch verantwortlich ist.

27. Sept. 1945:

Meine Tagebücher und Aufzeichnungen ! Ich sage mir wieder und wieder: Sie kostet nicht nur mein Leben, wenn sie entdeckt werden, sondern auch Evas und das mehrere anderer, die ich mit Namen genannt habe, nennen mußte, wenn ich dokumentarischen Wert erreichen wollte. Bin ich dazu berechtigt, womöglich verpflichtet, oder ist es verbrecherische Eitelkeit ? Und immer wieder: Seit Zwölf Jahre habe ich nichts mehr publiziert, nicht mehr zu Ende führen können, nur immer gespeichert und gespeichert. Hat es irgendwelchen Sinn, wird irgend etwas von alledem fertig werden ?

Victor und Eva überlebten den Krieg, ich atmete wieder ruhig, die Erzählung endet gut, fühle ich, gedankenlos. Tut es ja aber gar nicht. Es hat mit eine Katastrophe für so viele geendet, und für nahezu jeden Jude in Deutschland. Ich hatte beinahe „für nahezu das ganze jüdische Volk" geschrieben. Der Ausdruck ist ein sprachliche Nachlaß der Hitlerzeit. Es ist zur Nachdenkend stimmend, die Reaktionen Klemperers an diese Begriffsbildung zu lesen:

12. Des. 1941:

Am Sonnabend sprach der junge Kreidl, getauft, durchaus europäische und deutsch gerichtet, vom «Volk der Juden». Es erschütterte mich. Hitler ist der bedeutendste Förderer des Zionismus, Hitler hat buchstäblich das «Volk der Juden», das «Weltjudentum», den Juden geschaffen.

Es ist eine öfter vergessende Erkenntnis, dies, daß sehr viele Deutsche eine gleichgültige Beziehung zum ihrer jüdische Ursprung hatten. Deutsche Juden gehört zu die säkularisierten, die mosaische Gemeinde hat wenige aktive Angehörige. Es waren die Nazis und andere Antisemiten die immer insistierten an das jüdische Herkunft, die immer, in jeden Zusammenhang eine grundlegende Gewicht hat, der jeden Mensch geprägt hat in eine Art und Weise die jede andere Identitäten irrelevant macht. Ja, der sie als Tarnungen macht. Juden konnten behaupten daß sie Deutscher, Kosmopoliten, Schachspielern, Violinisten, Muttern, Patrioten, Mitbürgern waren: Eigentlich waren und bleiben sie vor allem Juden, meinte die Nazis. Viele Leute hatten gedankenlos dieser Denkweise übernommen, obwohl mit positive Vorzeichen. Sie hatten ein wichtiges Einsicht übersehen, wie eine nationale Verknüpfung definiert werden muß, so daß es nicht wieder zu eine Frage über biologische Herkunft reduziert wird.

Für die überwiegende Mehrheit deutscher Juden, waren ihre jüdische Herkunft eine Nebensache, sie waren einfach Deutsche. Aber für jeden Antisemit ist ein Jude immer ein Jude. Und ein Jude denkt sowieso „jüdisch". Eine weiter laufende friedliche Koexistenz war eine verbrecherische Naivität, es wollten das wahre Volksgemeinschaft und Volkscharakter ruinieren. Dies ist Gedankengut die gar nicht erwischt worden ist mit der militärische Niederlage der Nazismus, obwohl man heute meisten die Moslimen die Rolle als ewige Fremdkörpern zu spielen bieten. Victor Klemperer sieht mit Erbitterung wie die Zionisten mit Begier die Vorstellungen über Jüdische Essens greifst, um es für die Erbauung der jüdische Nationalstaat aus jüdische Flüchtlinge verwenden.

2. Nov. 1933:

Ich kann mir nicht helfen, ich sympathisiere mit den aufständischen Arabern dort, denen das Land «abgekauft» wird. Indianerschicksal, Eva. (..)In Erinnerung an den Fall Gerstle schimpfte Gusti auf «die Saujuden»in Palästina, die kapitalistisch über die Araber herfallen. Erziehung zum Antisemitismus durch Nationalsozialisten !

13. Juni 1934:

Man will sich heiraten und in Gütergemeinschaft in Jerusalem leben. Aber wo sich heiraten ? Er muß ihr igendwohin entgegenfahren, wo das möglich ist.

Denn in Zion ist der Arier gerade das, was hier der Jude. Par nobile fratrum ! (Ein edles Brüderpaar !) Mir sind die Zionisten, die an den jüdischen Staat von anno 70 p.Chr.(Zerstörung Jerusalems durch Titus) anknüpfen, genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer Blutschnüffelei, ihrem «alten Kulturkreis», ihrem teils geheuchelten, teils bornierten Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den Nationalsozialisten. Der Witz, man habe Hitler in Haifa ein Denkmal errichtet mit der Inschrift «Unserem Herführer», hat eigentlich eine tiefe und unwitzige Berechtigung. Gedanklich ist er auch ihr Heerführer.

Nur einen deutschem Jude ist erlaubt, sich so zu formulieren, denke ich. Victor ist einer assimilierte Bildungsbürger, er trägt die typische Vorurteile über die „primitive" orthodoxe Ostjuden der seiner Stand gehört. Nicht desto weniger: Es ist wichtige Zuge er anzeige. Dies ist in 1934 geschrieben.

Nach und nach wird die Zuziehung für alle spürbar, auch für die Juden der in was die Behörde als „gemischte Eheschaft" nannten leben. Es begann nicht mit Morden. Es fingt an mit Einschränkungen bürgerlichen Rechte, Haßpropaganda, Ghettoizierung, Berufsverbot – wohlbekannte Zuge von Apartheidregimen. Deutscher von jüdische Herkunft wackelte in ihren Verknüpfung, besonders die gut integrierten, und Victor gehört in diese Gruppe. Er fühlt sich wie ein Deutscher, er zitiert eine politische Häftling der sagt: „Wir sind die eigentliche Deutsche". Aber nacht und nach macht die tief verbreitete Begeisterung Hitler gegenüber ihm unschlüssig.

10. Mai 1936:

Und ich glaube durchaus nicht mehr, daß sie innerdeutsche Feinde hat. Die Mehrzahl des Volkes ist zufrieden, eine kleine Gruppe nimmt Hitler als das geringste Übel hin, niemand will ihn wirklich los sein, alle sehen in ihm den aussenpolitischen Befreier, fürchten russische Zustände, wie ein Kind den schwarzen Mann fürchtet, halten es, soweit sie nicht ehrlich berauscht sind, für realpolitisch inopportun, sich um solcher Kleinigkeiten willen wie der Unterdrückung bürgerlicher Freiheit, der Judenverfolgung, der Fälschung aller wissenschaftlichen Wahrheit, der systematischen Zerstörung aller Sittlichkeit zu empören. Und alle haben Angst um ihr Brot, ihr Leben, alle sind so entsetzlich feige. (Darf ich es ihnen vorwerfen ? Ich habe im letzten Amtsjahr auf Hitler geschworen, ich bin im Lande geblieben - ich bin nicht besser als meine arischen Mitmenschen.)

Victor hat reichlich Zeit für Nachdenken, jetzt als er arbeitslos ist. Der kollegiale Gemeinschaft ist weg, Leute fürchtet allmählich die Juden zu grüßen, mehrere von ihren Umgangskreis zergeht; einige emigrierst, einige wage nicht mehr ihnen besuchen, mit einige haben sie selbst brechen müssen, als sie als Anhängern das neue Regime erweist. Victor denkt über ein arglose Zwischenfall seine Kindheit nach, die in der heutigen Lage ein Art von Sinnbild wird, jetzt als sein Verknüpfung das heimatliche und geborgte zerrüttet ist.

17. Aug. 1937:

Am Versöhnungstag nahmen also die Juden nicht am Unterricht teil. Den nächsten Tag erzählten die Kameraden ohne alle Bösartigkeit lachend (so wie das Wort bestimmt auch von dem durchaus humanen Lehrer scherzend gesprochen wurde), Kuhfahl, der Mathematiker, habe zu der verkleinerten Klasse gesagt: «Heut sind wir unter uns» Das Wort nahm in der Erinnerung eine geradezu grausige Bedeutung für mich an: Es bestätigt mehr den Anspruch der NSDAP, die wahre Meinung des deutschen Volkes auszudrücken. Und immer mehr glaube ich, daß Hitler wirklich die deutsche Volksseele verkörpert, daß er wirklich «Deutschland» bedeutet und daß er sich deshalb halten und zu Recht halten wird. Womit ich denn nicht nur äußerlich vaterlandslos geworden bin. Und auch wenn die Regierung einmal wechseln sollte: mein innerliches Zugehörigkeitsgefühl ist hin.

31. Des 1939:

Die Progrome im November 38 haben, glaube ich, weniger Eindruck auf das Volk gemacht als der Abstrich der Tafel Schokolade zu Weihnachten.

 9. Oktober 1938:

Wie es auch politisch kommen mag, ich bin innerlich endgültig verändert. Mein Deutschtum wird mir niemand nehmen, aber mein Nationalismus und Patriotismus ist hin für immer. Mein Denken ist jetzt ganz und gar das voltairisch kosmopolitische. Jede nationale Umgrenzung erscheint mir als Barbarei. Vereinigte Weltstaaten, vereinigte Weltwirtschaft. Das hat nichts mit Gleichförmigkeit der Kulturen und erst recht nichts mit Kommunismus zu tun. Voltair und Montesquie sind mehr als je meine eigentlichen Leute.

Professor Klemperer, der Europäer und Weltbürger, hielt trotzig an seiner Identität fest, obwohl er viele Juden begegnen die jede Anspruch deutsch zu sein, preisgeben haben.

30. Mai 1942:

Die Umkehr des Assimilierten - Generation - Umkehr wohin ? Man kann nicht zurück, man kann nicht nach Zion. Vielleicht ist es überhaupt nicht an uns zu gehen, sonder zu warten: Ich bin deutsch und warte, daß die Deutschen zurückkommen; sie sind irgendwo untergetaucht.

Das Deutschland, von denen Victor sich als angehörenden fühlt, ist nicht zu erblicken, die Identität an welche er insistiert, teilt er mit ständig weniger, Juden wie Nichtjuden:

3. Mai 1945:

Die Wirkung der Propaganda: Frau Belka fragte mich schon wiederholt: «Haben Sie eine deutsche Frau ?» -»Hat Jacobi eine deutsche Frau ?» usw. Mich erschüttert das mehr als das Fremdwort «Arisch». Es zeigt, wie sehr die «totale Abschnührung» der Juden in Volksbewusstsein geglückt ist.

Aber wie artet sich dieser Exildasein in das alltägliche Leben ? Am Anfang bemüht er sich einem Führerschein zu machen und ein Auto richtig behandeln zu erlehrnen. In die ersten Jahren ist er beschäftigt ein Haus zu bauen und einen Garten anzulegen. Ökonomisch ist es alles äußerst gewagt, aber unter die Drohung eine baldigen Auslöschung hat die Denkweise Victors sich verändert ; wer weiß ob es überhaupt ein Zweck hat zu sparen. Am längsten hat er an eine Pensionspolice bezahlt, die für Evas weitere Existenz sorgen soll, wenn er wegfält. Victor macht Hausarbeit, liest, und notiert Bröckchen von Gespräche und Propagandareden.

Er macht Studien in Französische Literatur, Sprachgebrauch des Dritten Reich, Vorstudien für Bücher die er glaubt nie das Tageslicht sehen werden, die aber tatsächlich ausgeben wird, nach dem Krieg. Von Anfang an, hielt er es als wahrscheinlich daß er nicht das Dritte Reich überleben wird. Aber er notiert amiesenfleissig ihre vielfältigen Abschattungen in das Leben. Eine von den vielen Bizarrereien konnte erwähnt werden, als typisch dieser historische Periode:

28. Juni 1937:

Da erscheint um acht der Gemeindegärtner: Kontrolle ob der Garten gesäubert. Ich zeige ihm, daß alles geschnitten ist; er greift irgendwo in den Boden: «Hier ist noch Unkraut - und hier und hier. Ich muß das melden, man wird ihnen zwangsweise Arbeiter herschicken» Forstgesetz etc. Ich: «Was verlangen sie eigentlich ?» . «Der Garten muss für ein par hundert Mark von Fachgärtnerin durchgearbeitet werden.»

Allmählich liegen die Anschauungen Victors ziemlich nähe die Stereotypien über deutsche Mentalität mit dem die heutigen Deutschen aushalten müssen:

17 Aug. 1942:

Volk der Träumer und der Pedanten, der verstiegenen Überkonsequens, der Nebelhaftigkeit und der genausten Organisation. Auch der Grausamkeit, auch der Mord sind bei uns organisiert. Aus dem spontanem Antisemitismus macht man hier ein Institut für Judenproblem. Dabei wird aller Intellektualismus als jüdisch und flach abgelehnt. Der Deutsche fühlt und hat Tiefe.

Aber gar nicht alle fällen in diese traurigen, wohlbekannte Bild ein. Manche von dem Behörden ist demonstrative nett und höflich den Juden gegenüber, als sie ihren amtlichen Pflichten ausführt. Einige drücke ihren Verzweiflung über die Lage aus, aber was tun ?

Am Markt wird es ihnen Speise gesteckt die für Juden zu kaufen verboten ist, - so lange als die Juden überhaupt zugestanden ist, da zu sein. Allmählich ist die Pflicht die Judenstern zu tragen eingeführt. Die Angst der Konsequenzen greift noch tiefer, es wird allmählich mit Lebensgefahr verknüpft sich anständig zu benehmen, die Juden gegenüber, d.h. die Vorschriften über Judendiskriminierung an jede denkbare Gebiet zu trotzen. Und trotzdem gibt es immer wieder jemanden der es wagt. Der Bruch zwischen die alte und neue Zeit, erscheint mit exemplarische Klarheit in die folgende Episode:

4. Okt. 1941:

Gute Erfahrungen mit dem Stern. Nur ein Kind von früheren Bekannten voller Angst fortgelaufen: «Huh, ein Jude !» Die Mutter sich entsetzt entschuldigend, zu Haus habe es das nicht gehört - wahrscheinlich im Kindergarten. - Die Angst des Kindes nicht zu beruhigen.

Victor wechselt zwischen Mut und Verzweiflung, und Solidaritätszeichen von Nichtjuden hat eine enorme Gewichtigkeit als Gegengewicht zu dem ständigen Druck die die Propaganda, Diskriminierung und Todesfurcht ausmacht. Es wird von alles eine Alltag seiner Art, und Victor registriert wie man mit Selbstverständlichkeit das ungeheuerliche erwähnen, wie ein Mischung von Zynismus und Stumpfsinn das notwendige Distanzieren bildet, so daß man nicht verrückt wird. Aber manche brechen zusammen, mansche halten der Druck nicht aus. Victor registriert die Pendelnd zwischen die Triviale und Tragische Ebene:

25. Okt. 1941:

Ein jüdischer Geburtstagskaffee. Achtzehn Damen. «Echter Kaffee - aber sooo stark, Mokka, und Torten noch und noch, wie im Frieden, selbstgebacken, aufgespart. Und Briefe vorgelesen aus Berlin, Frankreich, Essen. «- Deren Tante hat sich erhängt - ihre Schwester wollte sich vor den Zug werfen - Ich hatte einen Herzanfall - die Torten....»

18. Juli 1940:

Feder erzählte neulich, ehe ein Verstorbender noch kalt sei, bitte die Jüdische Gemeinde schon um seine Sachen. Frau Voss spinnt einen Plan, mir einen Anzug Morals zu verschaffen. Der Mann war aber viel schmaler als ich. Strümpfe von dem gefallenen Haeselbart, ein Anzug vielleicht von dem Selbstmörder Moral - jüdische Bekleidung im 3. Reich.

Dies ist gar kein Buch über namenlose physische Leidendende, wie wir es aus der sogenannte KZ-Literatur kennen. Es ist die tausend Nadelstich, die Furcht, Verlassenheit und Hilflosigkeit die gegen uns fluten. Sie muß ständig umziehen, anfangs übernimmt man ihr Haus, dann muß sie in eine Wohnung wohnen, wo ständig neue Bewohner ankommen, wenn die alte verschwindet. Victor guckt aus dem Fenster, an die lehren Bank wo er im Sommer mit zwei anderen saß, und sich über die Zukunft unterhielt. Beide sind zurückgekommen, in Gestalt von zwei Urnen. Stapo-Leute haben ständige Razzien durchgeführt, mit Zerstörungen von Inventar, Schlag und Fußtritte. Daß schlimmste ist vielleicht der psychische Terror: Einen alten Mann hat man gefragt ob er sich nicht bald aufhängen will. Und dann hat man ihm gezeigt wie man ein Schlinge knüpft.

 Eine von dem der deportiert werden soll, trägt ein Brief ihren Tochter. Während der Verhaftung hat ein Gestapomann der Brief an sich gerafft, er zerriß das Bild ihrer Tochter entzwei. Und er liest von der Teil des Brief wo die Tochter geschrieben hat vor, daß sie vielleicht trotzdem einander wiedersehen dürfen – noch kommen Wunder vor. Der Gestapomann sagt höhnisch, für Leute wie euch, kommen keine Wunder an Frage, ihr könnt eurem Los nicht entfliehen.

 30. Mai 1942:

Wir sprachen heute beim Frühstück über die unglaubliche Fähigkeit des menschlichen Aushaltens und Sichgewohnens. Diese märchenhafte grässlichkeit unserer existens: Angst vor jedem Klingeln, Mißhandlungen, Schmach, Lebensgefahr. Hunger (wirklicher Hunger) immer neue Verbote, immer grausigere Versklavung, tägliches Naherücken der Todesgefahr, täglich neue Opfer rings um uns, absolute Hilflosigkeit - und doch immer noch Stunden des Behagens, beim Vorlesen, bei der Arbeit, beim mehr als kümmerlichen Essen, und immer wieder weitervegetiert, und immer wieder gehofft.

 Selbst in diesem Gruselkabinett ist Victor imstande Exempeln der Völkischen Humor und Kommentare der Ereignisse zu sammeln. Der Reichstagsbrand war der Auftakt der Massenverhaftungen der politische Opposition. Viele meinte es angezündet gewesen war.

13. Jan. 1934:

Hitler zu Moses: «Mir im Vertrauen können Sie’s doch sagen, Herr Moses.Nicht wahr, den Dornbusch haben Sie selber angezündet ?» - Wegen solcher Bemerkungen hat der Assistent Dr.Bergsträsser von der Mechanischen Abteilung - Arier übrigens-diese Tage vom Sondergericht zehn Monate Gefängnis bekommen.

 Mit totalitäre Regimen macht man nicht unbestraft Scherze. Aber der Humor ist für Widerstand ein unausrottbare Freiraum.

 14. Okt. 1934:

Hitler, der Katholik, habe zwei neue Feiertage kreiert: Maria Denunziata und Mariae haussuchung.

 Man drehen und wringen an die offizielle Rhetorik, man hört von entsetzliche Bombardement deutsche Städten, und summiert daß in Berlin ist die Definition von Feigheit sich als Freiwillige an die Ostfront zu melden, und das man Hitler recht geben muß, als er sagte „in zehn Jahre wird Berlin nicht erkennbar sein". Dresden wird verschönt, weil der Hund des Presidenten der USA dort auf den Friedhof begraben liegt. Victor und seine Frau haben mit Frau Winde diskutiert was man tun könnte, falls Dresden bombardiert wird, und wilde Unordnung entsteht.

 12. Mars 1944:

Ich wüsste niemanden, sei auch zum Fliegen ungeeignet, überließe mich meinem Schicksal. Eva: Ich sollte nach Kipsdorf, mich ein, zwei Nächte im Walde aufhalten, mit arischen Marken in Restaurants essen. Frau Winde: «Das kann er nicht. Er darf nicht unter Menschen, er fiele sofort auf. Es tut immer so weh. Ich habe zu meinem Mann gesagt: «Durch die vielen Jahre der Verfolgung sieht der Herr Professor aus wie ein verprügelter Hund». Sie wiederholte das zweimal, und es war mir gräßlich. Ich habe nie viel Haltung gehabt, jetzt aber gehe ich gebückt, meine Hände zittern, und der Atem versagt bei der geringsten Erregung. Ich merkte es erst gestern wieder.

 Der allgemeine Eindruck von unmittelbare Zusammenbruch der Naziregimes, macht es doppelt zu bitter im der zwölften Stunde zu sterben. Auch die auf der anderen Seite haben ihre Sorgen:

 12. Feb. 1945:

Frau Stühler nachmittags bei arischen Freunden mit wesentlichen Beziehungen, darunter «ein Großes Nazischwein von der SS.» Dessen Frau habe gejammert: «Mein Mann sagt, wir müssen uns erschießen, aber wir können doch nicht die Kinder erschießen !»

Unmittelbar bevor die ersten Brandbomben über Dresden fielen, hätte Victor nach verscheidenden Adressen gehen müssen, um Einberufungen zur Deportation abzuliefern. Er kommt nach Hause, und das Inferno beginnt. Eva und er verlieren einander, aber fanden nächsten Tag wieder zusammen. Eva entfernt den Judenstern, und beide flüchten aus der Stadt. Den ganzen Weg entlang schreibt Victor in seinem Tagebuch, er registriert wie andersartig das Regime auf dem Lande ist. Und andauernd ist die Angst da, erkennt und getötet zu werden.Ich eile die Seiten entlang, obwohl ich ja weiß daß er überleben will. Die Unheimlichkeit ätzt sich in mein Gedächtnis ein. Aber auch viele andere Dinge bleibt da. Nachdenkend stimmende und präzise Wahrnehmungen, sinnliche Beschreibungen die sich lagern als ob der Geruch und Geschmack selbst erlebt wäre.

Victor Klemperers Tagebuch ist von Deutschland, während des Krieg. Es hat trotzdem, in eine überraschende intensive Art und Weise, etwas über den Frieden gesagt.

Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten

Aufbau Verlag 1995