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Du bist nicht von hier, nicht wahr?

Ivar Bakke, "unser Mann in Norwegen", berichtet über die Schwierigkeit, sich im eigenen Lande "wie zuhause" zu fühlen.

von Ivar Bakke

US Navy
chwer zu verstehen, nicht wahr ? Das sagen sie aber alle. Und meist sind es Angestellte der Kommune, oft mit rätselhaften Stellenbeschreibungen und Ein-Jahres-Verträgen.

Wir treffen sie in Konzerten und auf nächtlichen Parties. Sie sind fast immer nett und interessiert. Nachdem man sich eine Weile unterhalten hat, hört meine Frau immer die Frage:
"Sie sind wohl nicht von hier?" - ausgesprochen wie ein einziges Wort mit einem lächelnden Fragezeichen dahinter, als wäre man einer von zwei Norwegern, die sich unversehens in Bombays Straßen treffen: Verschworene mit einem gemeinsamen Wissen über ein Heimatland, das ihr eigenes ist.

Meine Frau stammt aus einem der Vororte Oslos. Ich dagegen bin "von hier". Das soll heißen: von Steigen, Nord-Norwegen, Peripherie, "Bauernland", Busch.

Dem globalen Dorf zum Trotze hat das ja etwas Eigenartiges: womit man aufgewachsen ist, was man kennt, die vertrauten sprachlichen Finessen der eigenen Umgebung - das hat etwas von Geborgenheit. Vielleicht ist es die Wortwahl und der Tonfall, den man vor allem entbehrt und der bewirkt, daß man in einer anderen Sprache und einem anderen Dialekt nie richtig heimisch wird. Etwas Unbehagliches ist da in den eigenen Wörtern, die plötzlich fremd wirken. Oder es mutet unverständlich und lächerlich an, hier unter diesen Leuten, die nicht deine Vergangenheit und deinen Hintergrund kennen: deine Welt von Gestern, die Art und Weise, wie man sich gebärdet, wenn man Freude, Leid, Zorn oder Komik ausdrücken will:


Kleinigkeiten alles
Aber mit Fußnoten ausgestattet
daß du dies am meisten vermissen wirst
einmal

- um eine Anleihe bei Kolbjörn Falkeid zu nehmen. Aber so ist die Moderne, es gibt keinen Weg zurück. Deine Welt von Gestern ist weg. Und nie zuvor wie im Jahrhundert der Heimatlosigkeit hat man den Traum geträumt - den Traum von einer in sich selbst ruhenden Landschaft, von Orten, in denen die Zeit still steht und von den Menschen, die im Einklang mit sich selbst und der Natur leben: ein schöner Traum für heimatlose Seelen.

Idylle oder Einöde?

Und wenn sie dorthin kommen, werden sie enttäuscht sein, daß die lokalen Eingeborenen nicht der pastoralen Idylle genügen, daß sie fremden Göttern frönen und sich nicht im Klaren sind, welche alten Schätze sowohl auf dem Sargboden, als auch auf dem Boden der Lebensmittelspeicher liegen.

Ich weiß nicht, was das Schlimmere ist: all die Seligpreisungen des guten Lebens auf dem Lande oder die urbane Verachtung gegenüber den Bauerntrampeln.

Es handelt sich wohl um zwei Stufen derselben Leiter.

In den 70er Jahren hat man in Norwegen Seine Majestät, den Arbeiter, verehrt: mit demütigem Respekt und schlechtem Gewissen. Die ersten großen Jahrgänge der Bildungsgesellschaft sahen ein bißchen beschämt über die Schulter zurück auf die, die zurückblieben. Der Autor Kjartan Flögstad hatte einen Sommerjob in der Aluminium- Schmelzhütte in Sauda angenommen und sich anschließend in mehreren Büchern als Industriearbeiter beschrieben.

Aber sowohl Arbeiter als auch Bauern brauchen Aufklärung - nicht wahr? Und das kann - Lenin zufolge - den Massen nur von außen (oder schlicht gesagt: von oben) beigebracht werden. Wahrscheinlich sind wir hier an dem Punkt angelangt, an dem die demütigen Studenten ihre Rolle übernehmen werden. Zum Glück ist dieser Unsinn längst Geschichte geworden - zusammen mit einigen Variationen zum gleichen Thema.

Geschäfte mit der Identität

Heute müssen die Landwirte breitere Allianzen eingehen. Wir sind zu Wenige, um ein politisches "Fleischgewicht" darzustellen. Selbst in typisch landwirtschaftlichen Regionen bilden wir eine Minderheit. Laßt uns mit unserer Andersartigkeit Geschäfte machen! Laßt uns dem zivilisationsmüden Europa zeigen, worum sie uns beneiden können, hier auf dem Lande, wo die Welt noch heil ist! Nennen wir es doch "Ökologie", "lokale Küstenkultur", "weibliche Werte", "tragfähige Entwicklung zusammen mit lokalen Ressourcen und Traditionen": - verwende die richtige Bewerbungssprache, mache ein Loch in die richtigen Geldsäcke, denke positiv und stolz über deine Gegend!

Jawohl…all dies ist vielleicht sowohl notwendig als auch klug - rein strategisch gesehen. Die Identität ist nicht etwas, was man hat, sondern etwas, woran man die ganze Zeit arbeitet. Ich fühle mich nur so entfremdet von der Schilderung meiner Lebenswelt. Ich komme aus keiner Altertumssammlung, ich bin "nicht von hier" - so gesehen -: ich lebe vielmehr so, wie die meisten Europäer leben.

Diese neumodische Welle erinnert mich an die national-romantische Welle in den Jahren um 1890 herum: sowohl an ihren Ursprung aus einem urbanen Exil, als auch an ihre Bauchrednerkunst im Namen von anderen. Ein rückwärtsgewandtes Eliteprojekt in Lodentarnung - ist das das, was in Zukunft Arbeitsplätze und die Zukunft in den Ortschaften sichern soll? Wir fühlen uns hier wohl. Es gibt gute volkswirtschaftliche Gründe, eine dezentrale Besiedlung aufrechtzuerhalten. Für erwachsene Leute sollte es nicht notwendig sein, hinter exotischen Identitäten Verstecken zu spielen, um bleiben zu können.

Wir sind das Volk, verdammt noch' mal! Wie die meisten anderen auch - eine moderne Mixtur aus dem, was wir aus unserer Erbschaft auswählen. Wenn wir's als gut empfinden, wählen wir's aus. Ob es in Raum und Zeit aus der Ferne oder aus der Nähe stammt - das ist meistens völlig egal. Wir brauchen weder Pietät oder Mitleid. Es ist so schwer zu erklären: wir sind ganz normale Leute. Es ist kaum zu glauben.
Aber glaub es mir, bitte!

Ivar Bakke

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