ie erlebt man
die deutschen Touristen die sich in Norwegen herumtreiben?
Ich kann ja da eigentlich nur für mich selbst sprechen, aber
irgendwie verwickelt man sich dabei unvermeidlich und schnurstracks
in Pauschalurteile über "Die Deutschen" und "Die Norweger". Man
erkennt erst dann seine eigene Kultur, wenn sie mit einer anderen
kontrastiert. Durch diese Verfremdungstechnik, die bei jeder
Begegnung mit "dem Anderen" entsteht, wird man sich langsam darüber
klar, was für einen Koffer an kultureller Erbschaft man selbst mit
sich herumschleppt.
Das Selbstverständliche wird sichtbar, es wird zum Gegenstand der
Reflexion, es scheint im Prinzip ersetzbar zu sein. Aber eben nur im
Prinzip. Man schwärmt ein bisschen für das Andersartige, schimpft
über seine eigene nationale Kultur, und kehrt dann nach Hause
zurück, zu dem Alten, Geborgenen, Wohlbekannten.
Als "eingeborener" Nordnorweger, der ein bisschen mit dem
Deutschen bastelt, suche ich jeden Sommer die Gelegenheit, mit den
"Womos", den Wohnmobiltouristen, zu plaudern. Ich wohne unmittelbar
vor unserer lokalen Sehenswürdigkeit, der "Batterie Dietl", einem
Küstenfort aus dem Zweiten Weltkrieg. Dorthin fahren viele "Womos",
und nachher parken sie ihre Wohnmobile am Wegrand, um die Nacht dort
zu verbringen.
Der Ausblick auf den Vestfjord, wo die Sonne gerade noch die
Bergspitzen der Lofoten berührt, ist recht schön - auch für uns, die
damit aufgewachsen sind. Obwohl es fast taghell ist, atmet alles
voller Ruhe. Ein Geruch von Grillkohle und gebratenem Essen
verbreitet sich. Man hört nur leise Stimmen und das kaum spürbare
Rollen des Meeres.
Ich schlendere vorbei, schaue mir jedes Autoschild genau an, um
meinen Eingangssatz richtig zu formulieren: "Moin,moin", "juten
Abend", "Grüß Gott", "Schönen Abend" oder vielleicht ein " n`abend"
- aber bloß nicht "Guten Abend". Das klingt nach Schülerdeutsch. Die
Leute müssen eine kurze Weile im Irrtum schweben, dass ich richtig
Deutsch spreche.
Danach geht es immer los mit Bemerkungen wie: "woher hast Du dein
Deutsch gelernt?" Und indes ich meine grottenschlechte Grammatik
vorführe, sind wir schon mitten im Gespräch - und das ist der Sinn
der Sache.
Die deutsche Höflichkeit und Bescheidenheit setzt sich immer
durch. Dürfen wir hier stehen, stört man hier jemanden? Manche
ältere Leute fragen mich sogar, ob es in Ordnung sei, dass sie sich
überhaupt hier zeigen. "Aber komm'", antworte ich, - "der Krieg ist
ja doch seit vielen Jahren vorbei". Und wir sind plötzlich dabei,
uns einem richtig heiklen Thema anzunähern.
Vielleicht bin ich ein sentimentaler Trottel, aber es geht mir
kaum besser als ihnen, wenn wir gemeinsam solch eine Gratwanderung
unternehmen. Die Leute sind offensichtlich erleichtert, eine offene
Haltung zu erleben und sich frei von der deutschen Kollektivschuld
fühlen zu dürfen. Sie fühlen sich als Individuen betrachtet - und
öfters kommen wir uns so nahe, wie es nur durch die Freiheit der
Fremdheit möglich ist. Überraschend offen sprechen sie über ihr
Leben. Und beinahe beiläufig am Rande stellt es sich fast immer
heraus, dass sie einen Bruder oder Vater oder Onkel verloren haben.
(Wir Norweger wissen im Vergleich dazu kaum, was Krieg ist). Ich
habe es bisher nur einmal erlebt, dass ich mit einem geistig
Stehengebliebenen geredet habe.
Im Übrigen scheinen die Leute gegen jeden nationalen Größenwahn
geimpft zu sein. Die Gespräche drehen sich nicht nur um die
Vergangenheit, sondern auch darum, wie man heute Frieden schaffen
kann. Manche machen sich Sorgen um die Zukunft. Solch ein echtes
Engagement über den eigenen Gartenzaun hinaus, lässt bei uns leider
recht oft zu wünschen übrig. Ich habe mit recht vielen Touristen
gesprochen, aber mit den "Womo-Rentnern" ist es etwas Besonderes:
sie haben in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz. Einige
dieser zufälligen Begegnungen haben sich zu richtigen Freundschaften
entwickelt.
Es kommen aber auch viele jüngere Leute hierher. Unsere Gespräche
knüpfen an aktuelle Themen an: Arbeitslosigkeit, die "Mauer in den
Köpfen" zwischen Ost- und Westdeutschen (es ist schwierig, das
überhaupt so zu nennen, ohne jemanden zu beleidigen) und alles
Mögliche, und nicht nur Probleme.
"Aber warum Norwegen, eigentlich?" frage ich. Die Antworten sind
fast immer identisch: die schöne Natur mit vielen Möglichkeiten,
Bergwanderungen zu unternehmen und zu angeln, wenig Tourismus (wer
möchte schon einer Herde von Landsleuten im Ausland begegnen?),
alles ist nicht so streng geregelt, man kann ein bisschen
herumbummeln (das betrifft besonders die Womos. Die übrigen
Touristen, die nicht alles mitbringen können, werden ganz schön
ausgenommen - alles kostet hier sehr viel Geld) - und vor allem, die
Ruhe, die Gelassenheit der Leute.
Viele nennen mit Begeisterung unseren Nationalstolz, sie beneiden
uns. In Deutschland ist es wegen der Vergangenheit schwierig, eine
Flagge zu schwenken, ohne in eine bestimmte politische Ecke gestellt
zu werden. Es ist diesbezüglich zu weit gekommen. Das wird sich aber
rasch ändern, und das Pendel schwingt vielleicht zu einer anderen
Seite. Von den 60er-Jahren angefangen bis heute, ist die deutsche
Gesellschaft einen wirklichen "Sonderweg" gegangen. Dieser Wille -
nicht zur Macht, sondern zu Selbstkritik, zum Zögern, zur
Behutsamkeit - scheint mir leider etwas Einzigartiges zu sein.
Denk' darüber nach, wie es wäre, wenn z.B. die Vereinigten
Staaten mit ihren Bärentatzen mit der gleichen Vorsicht herumtasten
würden! Wer hat nichts zu beichten? Wer kann nicht neue Fehler
machen? Aber die Frage, die ich von den jüngeren Deutschen höre, ist
immer: Na, wie lange noch müssen wir von der bösen Vergangenheit
hören? Sollen wir uns für immer schämen? Sie platzt wohl bald, diese
besondere deutsche Demut, denke ich ein bisschen betrübt.
Die anderen europäischen Länder haben die historische Gelegenheit
verpasst, Deutschland in derselben Art entgegenzukommen, wie sie es
getan haben. Jetzt ist diese Möglichkeit vielleicht bald vorbei. Die
Unbeflecktheit unseres norwegischen Nationalstolzes ist längst dahin
und für Erwachsene dürfte sich dieser Patriotismus eigentlich
erübrigen. Vielleicht aber ist er leider noch notwendig für junge
Nationen. Gibt es einen vernünftigen Nationalstolz, einen Mittelweg
zwischen Chauvinismus und Kollektivschuld? - So denke ich öfters,
wenn ich mit den deutschen Touristen spreche.
Zu den unvermeidlichen Themen gehören da auch unsere norwegischen
Bier- und Weinpreise. Viele erzählen von einem klassischen
Missverständnis: Man hat sich ein Six-pack Bier kaufen wollen, ist
aber erschrocken aus dem Laden gewankt, nachdem man bemerkt hat,
dass der Preis nicht auf sechs, sondern auf eine einzige Flasche
Bier bezogen war. "Na apropos, möchtest Du noch ein Bierchen?"
fragen sie. "Nee, danke, ich bin schon hellblau", sage ich. Und wir
lachen einander entgegen.
Hauptsache ist, man versteht sich. Die Deutschen schimpfen über
deutsche Touristen, die sich angeblich großtuerisch und unhöflich
benehmen. Kann sein: ich jedenfalls, bin noch keinem von denen
begegnet. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind richtig gute
Botschafter ihres Landes. Ich habe vieles von ihnen gelernt.
Es kribbelt immer ein bisschen, wenn ich ein "D" auf der Haube
eines Autos sehe. "Es kann nur schief gehen" , denke ich, und sammle
meinen Mut, und los geht's. Ich würde so etwas nie wagen, wenn es
sich dabei um einen wildfremden Norweger handelte. Eigentlich ganz
blöd, aber so ist es.
(Foto: Ivar Bakke)