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© ivarbakke
17. Januar 2000
 

Post vom Vestfjord

von Ivar Bakke

neu: Die Womos kommen!
ie erlebt man die deutschen Touristen die sich in Norwegen herumtreiben?

Ich kann ja da eigentlich nur für mich selbst sprechen, aber irgendwie verwickelt man sich dabei unvermeidlich und schnurstracks in Pauschalurteile über "Die Deutschen" und "Die Norweger". Man erkennt erst dann seine eigene Kultur, wenn sie mit einer anderen kontrastiert. Durch diese Verfremdungstechnik, die bei jeder Begegnung mit "dem Anderen" entsteht, wird man sich langsam darüber klar, was für einen Koffer an kultureller Erbschaft man selbst mit sich herumschleppt.

Das Selbstverständliche wird sichtbar, es wird zum Gegenstand der Reflexion, es scheint im Prinzip ersetzbar zu sein. Aber eben nur im Prinzip. Man schwärmt ein bisschen für das Andersartige, schimpft über seine eigene nationale Kultur, und kehrt dann nach Hause zurück, zu dem Alten, Geborgenen, Wohlbekannten.

Als "eingeborener" Nordnorweger, der ein bisschen mit dem Deutschen bastelt, suche ich jeden Sommer die Gelegenheit, mit den "Womos", den Wohnmobiltouristen, zu plaudern. Ich wohne unmittelbar vor unserer lokalen Sehenswürdigkeit, der "Batterie Dietl", einem Küstenfort aus dem Zweiten Weltkrieg. Dorthin fahren viele "Womos", und nachher parken sie ihre Wohnmobile am Wegrand, um die Nacht dort zu verbringen.

Der Ausblick auf den Vestfjord, wo die Sonne gerade noch die Bergspitzen der Lofoten berührt, ist recht schön - auch für uns, die damit aufgewachsen sind. Obwohl es fast taghell ist, atmet alles voller Ruhe. Ein Geruch von Grillkohle und gebratenem Essen verbreitet sich. Man hört nur leise Stimmen und das kaum spürbare Rollen des Meeres.

Ich schlendere vorbei, schaue mir jedes Autoschild genau an, um meinen Eingangssatz richtig zu formulieren: "Moin,moin", "juten Abend", "Grüß Gott", "Schönen Abend" oder vielleicht ein " n`abend" - aber bloß nicht "Guten Abend". Das klingt nach Schülerdeutsch. Die Leute müssen eine kurze Weile im Irrtum schweben, dass ich richtig Deutsch spreche.

Danach geht es immer los mit Bemerkungen wie: "woher hast Du dein Deutsch gelernt?" Und indes ich meine grottenschlechte Grammatik vorführe, sind wir schon mitten im Gespräch - und das ist der Sinn der Sache.

Die deutsche Höflichkeit und Bescheidenheit setzt sich immer durch. Dürfen wir hier stehen, stört man hier jemanden? Manche ältere Leute fragen mich sogar, ob es in Ordnung sei, dass sie sich überhaupt hier zeigen. "Aber komm'", antworte ich, - "der Krieg ist ja doch seit vielen Jahren vorbei". Und wir sind plötzlich dabei, uns einem richtig heiklen Thema anzunähern.

Vielleicht bin ich ein sentimentaler Trottel, aber es geht mir kaum besser als ihnen, wenn wir gemeinsam solch eine Gratwanderung unternehmen. Die Leute sind offensichtlich erleichtert, eine offene Haltung zu erleben und sich frei von der deutschen Kollektivschuld fühlen zu dürfen. Sie fühlen sich als Individuen betrachtet - und öfters kommen wir uns so nahe, wie es nur durch die Freiheit der Fremdheit möglich ist. Überraschend offen sprechen sie über ihr Leben. Und beinahe beiläufig am Rande stellt es sich fast immer heraus, dass sie einen Bruder oder Vater oder Onkel verloren haben. (Wir Norweger wissen im Vergleich dazu kaum, was Krieg ist). Ich habe es bisher nur einmal erlebt, dass ich mit einem geistig Stehengebliebenen geredet habe.

Im Übrigen scheinen die Leute gegen jeden nationalen Größenwahn geimpft zu sein. Die Gespräche drehen sich nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch darum, wie man heute Frieden schaffen kann. Manche machen sich Sorgen um die Zukunft. Solch ein echtes Engagement über den eigenen Gartenzaun hinaus, lässt bei uns leider recht oft zu wünschen übrig. Ich habe mit recht vielen Touristen gesprochen, aber mit den "Womo-Rentnern" ist es etwas Besonderes: sie haben in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz. Einige dieser zufälligen Begegnungen haben sich zu richtigen Freundschaften entwickelt.

Es kommen aber auch viele jüngere Leute hierher. Unsere Gespräche knüpfen an aktuelle Themen an: Arbeitslosigkeit, die "Mauer in den Köpfen" zwischen Ost- und Westdeutschen (es ist schwierig, das überhaupt so zu nennen, ohne jemanden zu beleidigen) und alles Mögliche, und nicht nur Probleme.

"Aber warum Norwegen, eigentlich?" frage ich. Die Antworten sind fast immer identisch: die schöne Natur mit vielen Möglichkeiten, Bergwanderungen zu unternehmen und zu angeln, wenig Tourismus (wer möchte schon einer Herde von Landsleuten im Ausland begegnen?), alles ist nicht so streng geregelt, man kann ein bisschen herumbummeln (das betrifft besonders die Womos. Die übrigen Touristen, die nicht alles mitbringen können, werden ganz schön ausgenommen - alles kostet hier sehr viel Geld) - und vor allem, die Ruhe, die Gelassenheit der Leute.

Viele nennen mit Begeisterung unseren Nationalstolz, sie beneiden uns. In Deutschland ist es wegen der Vergangenheit schwierig, eine Flagge zu schwenken, ohne in eine bestimmte politische Ecke gestellt zu werden. Es ist diesbezüglich zu weit gekommen. Das wird sich aber rasch ändern, und das Pendel schwingt vielleicht zu einer anderen Seite. Von den 60er-Jahren angefangen bis heute, ist die deutsche Gesellschaft einen wirklichen "Sonderweg" gegangen. Dieser Wille - nicht zur Macht, sondern zu Selbstkritik, zum Zögern, zur Behutsamkeit - scheint mir leider etwas Einzigartiges zu sein.

Denk' darüber nach, wie es wäre, wenn z.B. die Vereinigten Staaten mit ihren Bärentatzen mit der gleichen Vorsicht herumtasten würden! Wer hat nichts zu beichten? Wer kann nicht neue Fehler machen? Aber die Frage, die ich von den jüngeren Deutschen höre, ist immer: Na, wie lange noch müssen wir von der bösen Vergangenheit hören? Sollen wir uns für immer schämen? Sie platzt wohl bald, diese besondere deutsche Demut, denke ich ein bisschen betrübt.

Die anderen europäischen Länder haben die historische Gelegenheit verpasst, Deutschland in derselben Art entgegenzukommen, wie sie es getan haben. Jetzt ist diese Möglichkeit vielleicht bald vorbei. Die Unbeflecktheit unseres norwegischen Nationalstolzes ist längst dahin und für Erwachsene dürfte sich dieser Patriotismus eigentlich erübrigen. Vielleicht aber ist er leider noch notwendig für junge Nationen. Gibt es einen vernünftigen Nationalstolz, einen Mittelweg zwischen Chauvinismus und Kollektivschuld? - So denke ich öfters, wenn ich mit den deutschen Touristen spreche.

Zu den unvermeidlichen Themen gehören da auch unsere norwegischen Bier- und Weinpreise. Viele erzählen von einem klassischen Missverständnis: Man hat sich ein Six-pack Bier kaufen wollen, ist aber erschrocken aus dem Laden gewankt, nachdem man bemerkt hat, dass der Preis nicht auf sechs, sondern auf eine einzige Flasche Bier bezogen war. "Na apropos, möchtest Du noch ein Bierchen?" fragen sie. "Nee, danke, ich bin schon hellblau", sage ich. Und wir lachen einander entgegen.

Hauptsache ist, man versteht sich. Die Deutschen schimpfen über deutsche Touristen, die sich angeblich großtuerisch und unhöflich benehmen. Kann sein: ich jedenfalls, bin noch keinem von denen begegnet. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind richtig gute Botschafter ihres Landes. Ich habe vieles von ihnen gelernt.

Es kribbelt immer ein bisschen, wenn ich ein "D" auf der Haube eines Autos sehe. "Es kann nur schief gehen" , denke ich, und sammle meinen Mut, und los geht's. Ich würde so etwas nie wagen, wenn es sich dabei um einen wildfremden Norweger handelte. Eigentlich ganz blöd, aber so ist es.

(Foto: Ivar Bakke)

 

 


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